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Bei den Briten

Ich dachte, dort bei Monty Python haben sie extra übertrieben gesprochen, um den Humorfaktor noch etwas zu steigern. Es ist so eine etwas überheblich wirkendes Auf und Ab mit der Stimme, als würde man jemanden nachäffen, oder unschön singen. Aber die sprechen hier so, ganz normal, jeden Tag. Ich gehe davon aus, auch bei ausgefallenen Aktivitäten. Es ist etwas, an das ich mich gewöhnen muss. Ich muss vielleicht sagen, ich bin zum ersten Mal auf der Britischen Insel. Klar habe ich auf Reisen schon einige Engländer kennengelernt. Im Interesse des gegenseitigen Verständnises halten die sich jeweils etwas zurück mit ihrem Akzent, wenn sie unter Nicht-Briten sind. Aber hier zuhause, lassen sies um so mehr raus.

imageIch habe Freude am Engländer. An der Engländerin natürlich auch sehr, aber der Einfachheit des Schreibens zuliebe, nehme ich nur eine Form. Dieses Überhebliche in der Sprache mag zwar aufs erste Hinhören etwas verwirren, ist aber überhaupt nicht so gemeint! Die sind nämlich richtig nett! Wenn ich den Engländer zum Beispiel nach dem Weg frage, oder mich in einer Stadt nach den Highlights erkundige, dann wirkt der Engländer, als hätte er sein ganzes Leben auf diesen Moment gewartet, mir diese Frage zu beantworten. Voller Motivation und mit einer schon fast etwas aufopfernder Note versucht er mir eine qualitativ hochstende Antwort zu liefern. Man spührt richtig, wie wichtig es ihm ist, dass die Information Substanz hat. Ich meine schon fast die Angst davor zu spühren, mir nicht eine genaue Auskunft geben zu können. Einer wollte sogar noch seine Frau anrufen, als ich ihn fragte, wo dieser Weg noch hinführt. Und diese Freundlichkeit wirkt auf mich überhaupt nicht amerikanisch gespielt, sondern 100prozent echt. Logisch hats auch unfreundliche Menschen, aber die sind überall.

Ich bin in England. Ich glaube, das hat nun auch der unaufmerksamste Leser mitbekommen. Auch der Nur-Bildli-Anschauer. Nur eine Woche bin ich hier. Ich wollte schon lange mal nach Londen, der grössten Stadt Europas. Und da dieses Jahr mein Reisejahr ist, passt das gut. Auch darum, weil ich nun endlich jemanden gut kenne hier: imageRob, ich habe ihn in Medellin, Kolumbien, in der Spanischschule kennengelernt. Er hat mich eingeladen, ihn mal in seiner Heimat besuchen zu kommen. Ich bin nicht alleine: Moser ist auch dabei. Also Tobias heisst er mit Vornamen, aber so nennt ihn inzwischen niemand mehr. Ein sehr guter Kumpel aus der Schulzeit in Bürglen.

90 Minuten fliegen, und hier sind wir, London-Gatwick-Airport. Schon früh wird uns klar, dieses London ist gross. Wir brauchten länger vom Flughafen zu Rob, wie von Zürich nach London. Ganze 40 Minuten Zugfahrt, und wir sind in London-DownTown. Und von dort ists nochmals ein kleines Projekt, um zu Rob zu gelangen. Ungünstig dabei, es ist schon Mitternacht. Das Londoner Bussystem muss man entweder kennen, oder man wird seinem Schicksal überlassen. Sprich man nimmt das Taxi.

imageGegen die 10 Millionen Menschen leben hier, also etwa gleich viele wie in Bogota. London ist nicht nur die grösste Stadt Europas, sondern auch die internationalste. Da schlenderst du zweihundert Meter durch die Gassen und hörst dutzende verschiedene Sprachen und siehst Kleidungsstiele wie sie unteschiedlicher nicht sein könnten: Farbige Mustergewänder, es sieht aus wie ein Afrikanischer Dschungelprovinzkönig neben in enge und extrakurze Hotpents gezwengte, offensichtlich im Selbstfindungsprozess befindende Teenie-Füdlis. Und, Zuckerwasser-Frisur-Banker neben Burkas, viele Burkas. In der Schweiz habe ich mehr Burkadiskussionen im Fernsehen gesehen, wie wirklich Menschen auf der Strasse, die sich dieses schwarze Tuch auch wirklich um den Kopf schwingen. Hier in Londen sind sie überall. Einmal, sprach es plötzlich aus einer dieser schwarzen Hüllen heraus! Wenn es plötzlich hinter einem Stück schwarzen Stoff herausspricht, dann erschrickt der Thurgauer. Das ist er sich nicht gewöhnt. Die Schweizer kennen nur Nora Illi, die einzige Burka/Niqapträgerin die spricht, oder die wir Schweizer je gehört haben. Sehen tut man ja nicht, wie sie spricht. Das Spezielle hier in London, da kommt astreines London-Englisch heraus! Ist jetzt vielleicht etwas übertrieben, einmal habe ich erlebt, wie eine Burkaträgerin ein akzentfreies Englisch spricht. Eine interessante Erfahrung. Zumindest die sprachliche Integration scheint also auch mit Burka möglich. Trotzdem, und das mussten wir, ich und Tobias, uns eingestehen, etwas ungewohnt und komisch ist es schon. Nicht etwas, dass wir uns für Zürich oder Weinfelden wünschen. Und das ist alles andere wie ein Plädoyer für ein Burkaverbot!! Aber jetzt nicht politisch werden…obwohl politisch ist es in London sehr interessant im Moment! Alle jungen Menschen die ich in dieser Woche kennengelernt habe, fluchen über den Brexit. Ein Typ hat mir am letzten Abend im Londoner Ausgang gesagt: „Diese alten Menschen die verantwortlich sind für den Brexit, sind alle in Zwanzig-Dreissig Jahren tot. Die schlussendlichen Auswirkungen werden wir, die das gar nicht wollten, ausbaden müssen.“ Die politische Stimmung ist im Moment angespannt. Unsicherheiten aufgrund der erhöhten Terrorgefahr und jetzt auch noch diese Politische Veränderung.

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Sunset at Tower Bridge

Die direkte Auswirkung des Brexit auf uns als Touristen ist positiv: Unsere Reise ist 20% günstiger, der Pfund hat seit dem Brexit einen Fünftel seines Wertes eingebüsst. Allgemein bin ich überrascht wie günstig England ist. Ich hätte mir die Preise näher am Schweizer Level vorgestellt. Aber es ist alles etwa einen Drittel günstiger wie bei uns.

Big Ben, Tower Bridge, Buckingham Palace und das London Eye, also dieses Riesenrad. Alles an einem Tag abgeklappert. Und, auch wenn man alles schon hunderte Male auf Fotos gesehen hat, es ist dann eben doch faszinierend, real davor zu stehen. Dieser Big Ben und vor allem diese Tower Bridge sind einiges grösser wie ich gedacht habe. Im Hintergrund die Wolkenkratzer des Finanzquartiers. Und mitten in der Stadt, die St. Pauls Kathedrale. Ein riesiges Gotteshaus, zwischen Wolkenkratzer und Tower Bridge, im Zentrum der Weltmetropole. Faszinierend, auch die völlig verrückten Shoppingzentren, da kann das Glattzentrum einpacken. Vom vergoldeten Schachbrett für einen sechsstelligen Betrag, bis zur Kinderdrohne, mit der man in der Wohnung herumflitzen kann, alles gibts hier. Luxus und Ramsch, Dickmacher und Hightechturnschuhe. Wir sind richtig froh, haben wir keinen Platz im Rucksack.

 

Von London nach Brighton – England Riviera

Tobias geht nachhause, ich bleibe noch ein paar Tage in England, bereise die Südostküste. Eine Stunde Zugfahrt und man ist am Meer. Erster Halt, Brighton. Die Stadt am Ärmelkanal ist von der Grösse her irgendwo zwischen Genf und Zürich. Ich steige aus dem Zug und komme mir bereits vor, als hätte ich mich wie der Muotathaler Wetterschmöcker Martin Horath auf einen Ameisenhaufen gesetzt:

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Brighton

Viele Leute, viel Verkehr, – die fahren übrigens links, gewöhnungsbedürftig plötzlich dieser Linksverkehr. Da willst du eine Strasse überqueren, schaust wie gewohnt nach links und merkst, dass du hier besser auch nach rechts schauen solltest, von dort kommt der Verkehr her. Und es hat viel Verkehr. Aber irgendwie mag ich diesen Betrieb. Ich höre später, dass das gar nichts ist, im Vergleich zum Wochenende. Brighton ist das beliebteste Wochenendausflugsziel der Londoner. Die kommen dann jeweils hier ans Meer und machen Party. Am Strand sei es dann eine Herausforderung ein Plätzchen zu finden. Tatsächlich, hier liegen Menschen am Strand! Ich dachte ja in England ist es kalt und es regnet. Ich habe noch kein Regen gesehen, es ist etwa 26 Grad, mein Gesicht macht meinem Sternzeichen alle Ehre. Ich habe an vieles gedacht beim Packen für England, Schirm, Regenschutz, Puli… Aber Sonnencreme ist mir nicht in den Sinn gekommen. Im Unterschied mit irgend einem Strand in Italien, hier liegen die meisten Menschen nur auf den rostfarbigen Kieselsteinen und lassen danach auf ihrer weissen Haut wenigsten ein Teint erahnen. Ins Meer baden gehen aber die Wenigsten, es ist unangenehm kalt. Ich schätze es so auf 16 – 17 Grad. Ich als steinharter Oberabenteurer habe mir natürlich ein Schwumm nicht nehmen lassen. Am Strand ist ein wildes Treiben von Menschen aller Arten und Formen zu beobachten. Familien, Einzelbackbacker, Muslimgruppen die ihr Picknicktuch nach dem Essen noch rasch auf Mekka ausrichten, und viele Pupertierende verweilen hier um sich von den strengen Schulstunden zu erholen – viele davon sind Sprachstudenten, Brighton ist als Sprachschulmekka bekannt. Wer etwas Aktiveres machen möchte, der zieht sich den Pier rein. imageDa hats ein langer Steg hier in Brighton, der weit ins Meer hinaus ragt. Darauf haben diese Verrückten einen ganzen Vergnügungspark gebaut! Ein Riesenrad, eine Geisterbahn und viele weitere verrückte Bahnen auf die ich nie gehe weils mir immer schlecht wird dabei. Weiter bauten die ein Restaurant und ein Casino auf diesen Pier. Wer auch immer auf diese Idee gekommen ist, sie ist verrückt, aber irgendwie toll. Da steh ich Abends zuvorderst auf diesem Steg, seh die Sonne im Meer verschwinden, höre das Kreischen der Teenies, die sich gerade eine Fahrt auf irgend einer Chilbibahn gönnen, und rieche den süssen Duft in der Luft, es könnten frische Donats sein. Vielleicht sind es aber auch die Nutella-Crepes. Es sind die Nutella-Crepes!, finde ich heraus noch während ich meiner Feinschmeckernase folge. Vor der Crepes-Bude steht gerade eine Gruppe von jungen, kopftuchtragenden Frauen, sie wirken irgendwie gut betucht, kommen wahrscheinlich aus Qatar oder so. Sie schauen dem Crepes-Mensch sehr genau auf die Finger, achten mit Habichtblick darauf, dass der Crepes-Mann auch ja genug Nutella auf die Crepes kleistert. Neben der Crepes-Bude, und ich bin immernoch mitten auf dem Pier, schabt grad ein türkischaussehender Mann das Kebabfleisch vom drehende Fleischbrocken. Die kulinarisch hochfliegende Döner-Welt hats also auch auf die Englische Insel geschafft. Ich spiele mit dem Gedanken,

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Brighton Pier

einen Kebab zu bestellen, sofort überkommt mich dabei so ein „bist du nun völlig durchgeknallt-Gefühl?“ Dann frage ich mich was sind die Alternativen? Fish und Chips, Fish und Chips, und, ach ja, Fish und Chips könnte ich ja auch essen. Es ist nicht nur ein Klischee, diese Engländer, vor allem hier an der Südküste, essen viel Fish und Chips. Meistens kann man zwischen drei Fischrassen auswählen, dazu gibts dann eben Chips, also PommesFrites. Dann kann man zwischen Tartarsauce oder Ketchup aussuchen. Die Engländer sind keine kulinarische Höheflieger. Kommt mir in den Sinn, sind es denn wir Schweizer? Ich meine was isst man typisch Schweizerisches zum Znacht? Einne Tonne Käse in eine Pfanne, voila. Oder dann schneidet man den Käse vor dem Schmelzen in Scheiben. Soo wahnsinnig kreativ ist das auch wieder nicht. Wie auch immer, ich bestelle nun einen Kebab, mit einem total guten Gewissen. Ich buche es unter Recherche ab, muss ja wissen wie die Kebabs hier sind. Ich mache mich schon auf die Frage „mit oder ohne Scharf?“ und „mit alles?“ gefasst. Vergebens. Nach kurzer Zeit drückt mir der Mann Massen an Kebabfleisch in eine viel zu kleine Baby-Brottasche gedrückt in die Hand. Kein Salat, keine Sauce, nur Fleisch, das überall runterhängt. Ein gesittetes Vertilgen ist nicht mal mit viel Kreativität möglich. Aber es passt irgendwie zu allem hier. Einfach etwas anders, verrückt auch, ich komme nicht mehr aus dem Schmunzeln heraus. Ich finde es grad sehr lässig hier zu sein. Ich finde „anders“ einfach suuuper.

Wieder dieses Gefühl

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Seven Sisters White Cliffs, Seaford, England

Die Südküste Englands ist wild, überall hats hohe Kliffs. Es sind spektakuläre Landschaften hier. Inzwischen bin ich weitergereist, mit dem Velo von Brighton den Kliffs entlang nach Seaford geradelt. Bis zu den „Seven Sisters White Cliffs“, der Wahninn! Das etwas lästige an den Kliffs, es geht rauf und runter und rauf und runter. Vorbei an Windmühlen, unendlichen Schafweiden, jeder Aufstieg wird mit einem Ausblick belohnt, das gibts gar nicht. Und, es ist heiss, immer wieder kühle ich mich im Meer etwas ab. Das hier in England!! Schon auf dem verrückten Pier in Brighton ist diese Reisefreude wieder aufgekommen. Es ist so ein Kribbeln im Bauch, wie verliebt, einfach anders. So ein aufgeregtes Gefühl, eine Entdeckungslust. Ich bin inzwischen in Hastings, ein typisch englisches Fischerstädtchen. Hier muss man kreativ sein, wenn man eine Fish und Chips-Bude eröffnen will, denn alle möglichen Restaurantnamen sind bereits vergeben: „The smiling fish“, „Fishermans“, „Happy Fish“, „The fishers home“… wäre noch weit zu führen diese Liste. Hastings liegt sozusagen in einem bis zum Meer ragenden Thal zwischen hohen Kliffs. Die steilste Schienenseilbahn Grossbritaniens bringt einem nach oben. Ich laufe am Kliff entlang, rechts die Weiten des Meeres, der Abgrund der Klippe, natürlich abgesperrt durch einen Hag. Und links, stechend gründe Wiesen, kleine Seen, Wälder. Wiedermal bin ich voll geflasht. Es ist etwas vom Schönsten was ich je gesehen habe. Ich bin wieder tief drin, im Reisefieber.

Darum breche ich bald wieder auf, in die Ferne: Thailand, Myanmar, und vielleicht noch weiter nach Laos, Kambodscha, Malaysia und Indonesien. Am 15. September gehts los. Ich komme also nur kurz zurück in die Schweiz. Ich habs ja gesagt, dieser Blog findet seine Fortsetzung. Hier ist sie, und ich freue mich wie ein kleines Kind darauf🙂

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Schlussgedanken

Flughafen Bogota, El Dorado. Ich sitze hier, habe ein totales Gefühlschaos. Es hört sich abgedroschen an, aber es gibt nun mal diese zwei Seiten. Ich vermisse meine Grosseltern und all meine Lieblingsmenschen. Ich vermisse mein Bett, mein Winterthur, ich vermisse Rivella grün (!!) Ich freue mich auf meine erste Dusche zuhause, die erste St.Galler Bratwurst, die erste Ovi, auf mein Klavier, mein Balkon. Diese fast sechs Monate auf Reisen sind zu Ende. Schon bald werden das alles nur noch Erinnerungen sein. Das macht nachdenklich, etwas traurig auch. Natürlich sind es unendlich gute Erinnerungen, bereichernde Erlebnisse und unvergessliche Eindrücke. Ich habe Erfahrungen gemacht, die mich weiterbringen. Ich durfte Menschen kennen lernen, die ein so unglaublich anderes Leben führen. Menschen mit absolut null Perspektive. Die kennen dieses Wort gar nicht. So viele Menschen leben einfach vor sich hin, überleben, statt zu leben. Die einen sind zufrieden dabei, andere weniger. Wie bei uns. Nur haben wir alles, viele Menschen, zum Beispiel in Nicaragua, das ärmste Land auf meiner Route, haben nichts. Man hört immer wieder, dass diese „armen“ Menschen glücklicher seien wie bei uns. Tatsächlich habe ich diese Erfahrung gemacht. Gebeutelt von ihrer Vergangenheit, blieb vielen Menschen nichts anderes übrig, als zuversichtlich zu sein. Noch vor zwanzig Jahren ging es Kolumbien sehr schlecht, das Volk wurde von Guerilla-Organisationen terrorisiert. Wenn die Bevölkerung damals nicht zuversichtlich gewesen wäre und sich auf bessere Zeiten gefreut hätte, dann wäre das kaum auszuhalten gewesen. Und dieser Optimismus, ist heute noch zu spüren. Darum erfreut sich der Kolumbianer an den kleinen Dinge im Leben. Wenn zum Beispiel die Kolumbianische Nationalmannschaft 1:2 verliert, dann freut sich der Kolumbianer über das eine Tor und legt sich glücklich schlafen. Ich finde das beeindruckend und schön.

Ich habe den Kolumbianer, den Guatemalteke, den Nicaraguaner gerne bekommen. Auch wenn sie es einem nicht immer ganz einfach machen, sie zu verstehen. Vieles gab mir zu denken. Zum Beispiel dann, wenn ich die Tür zu einem Raum öffne, und dann vergebens rechts und links nach dem Lichtschalter abtaste. Im Dunkeln muss ich mich dann mit meiner Handy-Taschenlampe auf die Suche machen. Finden tue ich ihn dann nicht selten auf der anderen Seite des Raumes. Am Anfang haben mich solche Situationen sehr nachdenklich gemacht. Ich fragte mich, wie das sein kann. Warum ist der Spiegel im Badezimmer auf Höhe meines Bauchnabels, warum hängt da ein Brett an der Wand, an dem alle Aufhängehacken abgebrochen sind. Warum hängt das Brett noch da? Oder dann dieses Türschliesssystem, bei dem man so ein Stäbli rüber schieben muss, in ein am Türrahmen befestigtes Röhrchen. Dutzende Male durfte ich feststellen, dass das Röhrchen nicht auf der selben Höhe ist, und die Tür somit nicht, oder nur mit Einsatz meiner ganzen Manneskraft verschliessbar ist. Einmal, habe ich aus Versehen die Tür ausgehängt, beim Versuch, das Stäbchen in das Röhrchen zu hieven. Ich könnte stundenlang, natürlich nicht, sagen wir minutenlang, so eine Schliessvorrichtung, oder ein Lichtschalter anschauen, und mich fragen, was hat ächt dieser Hausplaner gedacht, als er dieses Ding genau hierhin platziert hat. Oder was ging diesem Typen durch den Kopf, als er den Spiegel auf Höhe meines Bauchnabels montiert hat? Wenn man die dann damit konfrontiert und mal fragt, warum denn der Lichtschalter auf der anderen Seite des Raumes ist, dann schauen die einem ganz verdutzt an, können die Frage gar nicht nachvollziehen. Mit der Zeit begann ich zu verstehen, dass die Menschen hier einfach etwas anders funktionieren. Das hat nichts mit Dummheit zu tun. Der Nicaraguaner geht in einen Raum, und macht halt das Licht dort an, wo zufällig mal jemand den Lichtschalter platziert hat. Der überlegt sich nicht, wo ächt der beste Standort dafür wäre. Oder wenn die Häckchen an einem Brett abgebrochen sind, warum sollte man das Brett dann abmontieren? Es stört ja niemand. Wenn der Spiegel etwas tief ist, dann bückt sich der Guatemalteke halt eben, eine schöne Frisur geht auch so. Oder wenn eine Tür nicht mehr verschliessbar ist, dann ist das halt so, das Geschäft kann auch so erledigt werden. Der Nächste merkt dann schon noch früh genug, dass das Benützen dieser Toilette jetzt etwas ungünstig ist. Der Kolumbianer ist nicht lösungsorientiert, ist nicht am einfachsten Weg interessiert, etwas zu erreichen. Er macht es einfach wie er es immer gemacht hat. Er fragt sich nicht, wie man es besser machen könnte. Ich hatte zuerst Mühe diese Eigenschaften, diese Denkweise zu verstehen. Diese leicht naiv-sympathische Art, mit einem Hauch Gleichgültigkeit, bringt mich heute immer wieder zum schmunzeln. Der Schweizer nervt sich fürchterlich wenn er einen Lichtschalter suchen muss, oder wenn er mit Haargel in den Händen das Beste aus sich herausholen möchte, dann aber an seine Bauchbehaarung schauen muss. Der Nicaraguaner nervt sich nicht, denn es ist halt so. Diese Einstellung hilft, Nerven zu schonen, und unbeschwerter durchs Leben zu gehen. Aber, das muss man sagen, es hat schon auch seine Kehrseite. Denn der Kolumbianer ist nicht ehrlich, oder hat eine andere Einstellung zum Thema Wahrheit und Zuverlässigkeit. Wenn man sich mit einer Kolumbianerin am Dienstag Abend verabredet, heisst das nicht, dass man sich dann tatsächlich trifft. Kurzfristig absagen ist hier normal, Entschuldigungen nicht nötig. Das Zuspätkommen ist hier eh völlig normal, und bedarf keiner Entschuldigung. Wenn ich auf einen Bushof gehe, und mir ein Typ sagt, dass der Bus um 18:20 abfährt, dann weiss ich vor allem eins, dass dieser Bus dann totsicher nicht geht. Und das ist ja auch schon eine Information. Hier muss man lernen, Aussagen relativ zu sehen, versuchen eine Aussage oder Situation zu interpretieren. Wenn einer mir etwas verkaufen will, zum Beispiel ein Busticket, dann kann der mir direkt ins Gesicht lügen. Die Versprechen einem Wifi, Klimaanlage und viel Platz. Wenn ich im Bus dann nach dem Wifi-Passwort frage, sagt der Chauffeur jeweils: „Heute geht’s grad nicht“.

Ich werde den Kolumbianer, den Nicaraguaner, den Guatemalteke vermissen. Auch, das Leben als Reisender. Die Freude an einem so tollen Ort zu sein, gepaart mit der Vorfreude auf das nächste Reiseziel. Das ist ein Gefühl, das nicht in Worte zu fassen ist. Angefangen hat alles vor fast sechs Monaten, im kleinen Guatemaltekischen Kolonialstädtchen Antigua. Was für ein toller Kulturschock. Verrückte Märkte, prächtige Kirchen, umgeben von grünen Vulkane. Zum ersten Mal kam ich in Berührung mit der Zentralamerikanischen Hausplanung, wo die Lüftung der Toilette direkt in die Küche zieht. Nach zwei Wochen Spanischschule begann für mich die Reise. Mit dem Kajak durch den Dschnungel des Rio Dulce. Das erste Mal, dass ich vor Freude eins-zwei Tränchen nicht mehr aufhalten konnte. Der surreale, märchenhafte Sonnenuntergang auf der Nicaraguanischen Vulkaninsel Ometepe war auch so ein Moment. Ich habe verlassene Karibische Trauminseln erforscht, Vulkane erklimmt, surfen gelernt, Inselvölker kennengelernt, die Tiefen des Dschungels erforscht. Ich war in der Wüste, im felsigen Gebirge, ich habe in Grossstädten gelebt, die mehr Einwohner haben wie die ganze Schweiz. Und, ich bin Menschen begegnet, die mein Abenteuer zu dem gemacht haben, was es war: Die schönsten, glücklichsten Monate meines Lebens.

Und nun? Mal schauen was passiert. Ich komme mal nachhause. Etwas ärmer auf dem Konto, dafür viel reicher im Herz.

Dieser Reiseblog findet hier also sein Ende. Fortsetzung nicht ausgeschlossen. Gar nicht🙂

 

 

 

 

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Bis ans Ende der Welt. Und weiter.

Von der Kaffeezone in die Stadt der Salsaverrückten mit Indianajones-Feeling, über die kolumbianische Schweiz, durch die Wüste und den Dschungel. Weiter über die Todesstrecke bis ans Ende der Welt. Und sogar noch weiter, bis an die weissen Sandstrände der Karibik. Das ist unser Plan für die nächsten drei Wochen. Check!

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WIR sind Sarah, Leila und ich. Sarah kenne ich von der Journalistenschule. Die beiden sind vom kalten Argentinischen Süden, ganz Südamerika hinauf, während ich von Guatemala runtergereist bin. Wir werden nun in den nächsten drei Wochen den Süden von Kolumbien bereisen. Es sind, die letzten Wochen meines Abenteuers.

Kaffeeland

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Chömed sie verbii, uf es Käfeli…

„Weisst du, irgend wann, wenn du gross bist, kommst auch du auf den Geschmack. Es ist normal, dass euch Kindern Kaffee nicht schmeckt“, hat mir mein Mami immer gesagt, als ich noch ein kleiner Knirps war. Tatsächlich habe ich viele kindliche Eigenschaften in mein Erwachsenendasein gerettet. Daran liegt es aber kaum, dass ich den Geschmack des Kaffees auch heute nicht ausstehen kann. Sarah und Leila ebenfalls nicht. Drei Nichtkaffeetrinker gehen also zusammen in die Kaffeezone Kolumbiens, dem drittgrössten Kaffeeproduzenten der Welt.

Zum Glück muss man das auch nicht. Es ist die Landschaft, die ein Besuch zu einem absoluten Must macht. Immer wieder hört man, die Kaffeezone ist DAS Natur-Highlight von Kolumbien. Nun, das stimmt. Wir sind in Salento. Ein in Reiseführern dick unterstrichener, bei Touristen daher bestens bekannter Ort. Trotz den vielen auswärtigen Besuchern, hat Salento seinen Charme behalten. Ein wirklich süsses, farbiges Kolonialstädtchen, umgeben von grünen Hügel der Kaffeezone.

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Salento

Es wirkt schon fast etwas unecht, dieses grün. Als hätte man die Sättigungskurve etwas gar übermütig bedient. Aber das wirklich Spezielle, sind die Palmen. Hier wächst die längste Palmenart der Welt: Die Wachspalme, der Nationalbaum Kolumbiens. Tatsächlich das gibt’s wirklich! Die können bis zu 60 Meter hoch werden. Das muss man sich mal vorstellen, das ist fast so hoch wie der Üetlibergturm!! Das wärs dann aber auch schon. Hohe, grüne Hügel, ein kleiner Fluss der durchs Thal fliesst, und eben diese Palmen. Voila, so einfach geht Paradies.


Tanzzeit

Wir reisen weiter nach Cali, mit seinen fast zweieinhalb Millionen Einwohnern, die zweitgrösste Stadt Kolumbiens. Aber noch viel wichtiger, Cali ist die Salsahauptstadt der Welt. Hier soll dieser Tanzstiel herkommen. Sonst haben wir nichts gehört über diese Stadt. Ausser, dass es die gefährlichste Grossstadt Kolumbiens ist. Der grösste Teil der Stadt ist für Touristen tabu. „Gefährlich“ und „Tanzen“, meine Vorfreude hier her zu kommen, haltet sich eng in Grenzen. Immer dieses Gefühl, dass es da Menschen gibt, die mir meine Lieblingssachen wegnehmen wollen, lästig. Noch lästiger, dieser Salsa. Ich kanns einfach nicht. Es gibt Menschen, die haben Tanzbeine, können mit dem Becken Sachen machen, da wird es mir nur schon beim Zuschauen ganz anders. Auch die Typen, die werden hier mit Gummi zwischen den Gelenken geboren, und bevor er wirklich richtig laufen kann, tanzt er Salsa. Da könnte ich zwei drei Salsakurse nehmen, sogar ein paar Monate Salsa studieren, mit meinen Schweizer Besenstiel-Beinen, werde ich nie, auch nur annähernd so gut. Mich beim Salsa tanzen, das will jetzt einfach niemand sehen, besonders Spass macht es mir auch nicht. Wenn ich hier in Kolumbien auf einer Salsa-Tanzfläche bin, habe ich wenig zu melden, bin ich alles andere als cool. Und ich bin gerne cool. Darum findet man mich selten, sehr selten auf Salsa-Tanzflächen. Aber, ich reise wiedermal mit zwei Frauen. Sarah, und speziell Leila tanzt gerne. Mir war darum bewusst, sie zu überzeugen, einfach an der Salsahauptstadt vorbeizufahren, wäre eine äusserst harte Challenge. Darum wusste ich früh, ich werde nicht um Cali herumkommen, hatte darum auch die Gelegenheit, mich physisch und psychisch darauf vorzubereiten.

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Das Zentrum von Cali

Samstag Abend, Cali Nightlife, es ist soweit. Sarah, Leila und ich sind auf dem Weg in einen Tanzclub. Ich bin bereit. Da muss ich jetzt durch. Ich kanns vorwegnehmen: Es war nicht so schlimm. Aber auch nicht der Wahnsinn. Ein Spunten, eine Bar, Tische mit Sofas und eine Tanzfläche. Der Unterschied zu anderen Tanzclubs in anderen Städten, hier tanzen alle. Und alle richtig gut. Ich habe mich auch auf die Tanzfläche gewagt, einmal mit Sarah und einmal mit Leila getanzt. Das wars dann, völlig unspektakulär und ausgesprochen schlecht war mein Getanze. Aber ich war in Cali tanzen. Check, abgehackt, weiter. Zum Glück genügt auch den Girls einen Abend. Wir verlassen Cali, denn die Stadt hat neben dem Salsa wenig zu bieten. Noch ein nettes Zentrum und eine schöne Kirche. Sonst haben wir Cali nicht so gefühlt.

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Kirche in Cali

Wir gehen weiter. Aber nicht viel.

Denn San Cipriano, unser nächstes Ziel, ist nicht weit. Wir gehen von der nicht wirklich spektakulären Stadt Cali, in ein noch viel weniger spektakuläres Dorf. San Cipriano liegt mitten im Dschungel, zwischen Cali und dem Pazifischen Meer. Dorthin geht man nicht wegen San Cipriano, sondern wegen dem Weg dorthin. Ein Töff auf Schienen. Tatsächlich! imageDas hindere Rad fährt auf der Schiene, das Fordere ist auf der Holzkonstruktion aufgestützt, welche um den Töff herum gebaut wurde. Klar, das versteht niemand, – darum Bild anschauen. Mit diesem Gefährt fahren wir nun gut 20 Minuten durch den Dschungel bis nach eben diesem San Cipriano. Es ist die einzige Möglichkeit um dorthin zu gelangen. Es gibt keine Strasse, keine Flugpiste, nichts. Und diese Fahrt, hat es wirklich in sich. Ich wage mich gar nicht zu schätzen wie schnell das Ding über diese schon lange nicht mehr reparierten Schienen flitzt. Aber es ist schnell, wohl zu schnell für den Zustand dieses Gefährts und der Schienen. Auf den Brücken hofft man besonders fest, dass das Material hält. Aber, es war das volle IndianaJones-Feeling, der hat ja auch ab und zu etwas gefährliches gemacht. Neben mir sitzt eine etwas ältere Frau, sie scheint völlig unbeeindruckt. Das beruhigt. imageWahrscheinlich ist sie eine Dorfbewohnerin, denn so wie sie sehen dort alle aus. Trotzdem kam dann etwas Unruhe auf. Plötzlich ist da Gegenverkehr. Wirklich! Gegenverkehr auf der Schiene. Wir sind im Konvoi unterwegs, also etwa sechs von diesen Gefährten hintereinander. Da stehen wir auf dieser Schiene mitten im Dschungel, und da stehen uns auch etwa sechs von diesen Dingern gegenüber. Weil man auf Schienen schlecht ausweichen kann, müssen die Typen, die die Motorräder lenken, untereinander ausmachen, auf welcher Seite nun die Gefährte von den Schienen gehievt werden. Dies ein Beispiel wie der Kolumbianer funktioniert. Man könnte ja ein System machen, in der ersten halben Stunde wird in diese Richtung gefahren und in der zweiten in die andere. Oder man könnte funken. Der Kolumbianer hat nicht gerne ein System oder eine Regel. Er sucht nicht die beste Lösung. Der Kolumbianer macht mal, und hofft, dass es gut kommt. Jetzt bin ich abgedriftet. Wir sind lebend angekommen, das ist die Hauptsache. Abenteurerlich ist auch die Rückfahrt. Plötzlich stoppt das Ding. Etwas raucht, wahrscheinlich ist der Motor überhitzt. Wieder stehen wir mitten im Dschungel und laufen der Schienen entlang, bis dann hinter uns ein Gefährt kommt, das uns bis zum nächsten Bahnhof stösst. Immerhin gibt es keinen Gegenverkehr mehr.

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Ein Dorf, das an sich nicht viel zu bieten hat, erlangt durch dieses Schienenabenteuer nationale Bekanntheit, oder sagen wir im Gebiet um Cali. Wenn die Menschen in diesem Loch Cali, neben dem Tanzen wiedermal einen Kick brauchen, gehen sie nach San Cipriano. Wir gehen weiter, weiter südlich.

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Silvia

imageTatsächlich, so heisst nicht die Reiseführerin in unserem nächsten Ort, Silvia heisst unser nächster Ort. Die Menschen in diesem kleinen Bergstädtchen sehen plötzlich ganz anders aus, ein bisschen wie Indianer. Sie tragen auch eine andere Kleidung, violette Überhänger und pinke oder blaue Röcke, auch die Männer! Die Einen tragen einen Zylinder auf dem Kopf. Und die tragen das nicht um den Touristenkameras ein lässiges Sujet zu bieten. Überhaupt nicht, denn Silvia ist völlig untouristisch. Es ist auch keine Tracht, die nur für spezielle Feste zum Einsatz kommt. Die tragen das einfach. Und für die Kamera posieren tun sie überhaupt nicht gerne. Sie haben Angst, dass ein Foto ein Teil ihrer Seele raubt. Darum wurde ich von einer Frau mit einer Zwiebel beworfen, als ich eine Totale vom Markt fotografisch festhalten wollte. Ach ja der Markt, das ist der Grund warum wir überhaupt hier sind. Immer Dienstags, kommen alle Menschen von den umliegenden Bergdörfern nach Silvia und verkaufen hier ihre Ware. Meist Früchte und Gemüse, die Meisten scheinen Bauern zu sein. Ich habe doch noch ein Foto bekommen mit einer Frau aus Silvia. Ich habe meinen ganzen Charme ausgepackt, ihr etwas abgekauft, und dann war sie lieb. Man hat ihn aber rasch gesehen, diesen Märt, Silvia auch. Wir gehen weiter.

Die weisse Stadt

Zuerst nach Popayan. Die Stadt ist bekannt, für die zweitschönste koloniale Altstadt Kolumbiens. Natürlich nach Cartagena, die Altstadt von Cartagena kann kaum übertroffen werden. Das Spezielle an Popayan, es ist alles weiss. imageDie Kolonialbauten in der Altstadt sind allesamt komplett weiss angemalt, das sieht schön aus. Aber das wärs dann auch schon. So wahnsinnig viel hat dieses Popayan auch nicht zu bieten. Ausser man ist interessiert an kolonialbaulicher Geschichte, der hätte hier viel zu erforschen. Wir erforschen lieber …

… die Kolumbianische Schweiz

imageGeranien unter den Fenster, rote Läden mit herausgeschnitzten Herzchen. Häuser im Chaletstiel, als hätten Schweizer Bergchalets als Vorlage gedient. Das haben sie wahrscheinlich auch. Eines der beiden Hotels am See hat eine Schweizer Flagge im Hotellogo. Wir sind an der Laguna de la Cocha, ganz im Süden von Kolumbien, an der Grenze zu Ecuador. Warum genau die hier Schweizer Chalets nachbauen, konnte ich nicht in Erfahrung bringen. Man muss auch sagen, sooo toll haben die unsere Traditionshäuser auch nicht kopiert. Auf den ersten Blick siehts schön aus, aber wie das die Kolumbianer oft machen, haben sie nur die Frontseite schön gemacht. Auf der Seite sehen die meisten Häuser heruntergekommen aus, unsere Schrebergartenhäuser sind besser gebaut. Diese Häuser hier sind null isoliert, als Wände werden Holzbretter eingesetzt. Das ist in Cartagena oder Medellín kein Problem, es ist warm dort. Aber hier an der Laguna de La Cocha, sind wir auf zweieinhalb Tausend Meter Höhe, hier ist es kalt in der Nacht. Also heizen sie mit so kleinen Elektroheizungen munter hinaus. Im Essaal sorgen Heizpilze für Wärme. Das Aufhalten der Klimaerwärmung, scheint hier weniger ein Thema zu sein.

Aber, es ist der Wahnsinn hier! Die Laguna de La Cocha ist wiedermal, wie so vieles in Kolumbien, einfach ganz fest schön. Nicht nur die Häuser, auch die Landschaft sieht der Schweiz mal wieder zum Verwechseln ähnlich. Ein See, genau gleich gross wie der Zugersee, umgeben von grünen Hügel. In der Mitte des Sees ragt eine kleine Insel aus dem flachen, spiegelnden Nass heraus. Die Insel ist ein kleiner Dschnungelpark. Von unserem Balkon, ja wir haben einen Balkon, mit einer Sicht, das gibt’s gar nicht, eine Wucht!! Von da aus sehen wir direkt auf den See und die Insel. Auch unser Hotel wurde ganz offensichtlich einem Schweizer Chalet nachempfunden. Nochmals ein bisschen Swissfeeling, bevor ich nachhause komme. Wir verlassen die Laguna, bleiben aber noch ein paar Stunden in den Bergen.

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Die Todesstrecke

imageEs regnet, sinnflutartig. Wir sind hoch in den nebligen Anden, der Bus fährt auf einer steinigen, einspurigen Strasse, das wäre in der Schweiz ein besserer Wanderweg. Hier holpern sogar Lastwagen über das Kiessträsschen. Ab und zu muss der Bus einen Fluss überqueren. Normalerweise, fliesst da einfach etwas Feucht über die Strasse. Wenns regnet, ist das jeweils etwas anders. Vor uns ist gerade ein Töff stecken geblieben. Das Heikle an der Sache, wenn man vom Wasser mitgezogen wird, dann war das der letzte Zug. Denn das Wasser fliesst danach den Felsabgrund hinunter.

Ich recherchiere immer von Ort zu Ort, ich habe daher unsere Reise nicht durchgeplant. Ich habe nur geschaut, welche Orte wir im Süden besuchen sollten, und obs da Strassen gibt. In welchem Zustand diese sind, weiss ich nicht. Es ist der letzte Tag an der Laguna de La Cocha, und ich finde heraus, dass die Strasse zwischen der Laguna und unserem nächsten Ort, Mocoa, über eine gefährliche Bergstrecke führt. Im Internet ist überall von der Todesstrecke die Rede, die gefährlichste Strasse Südamerikas. Halsbrecherische, einspurig geführte und ungeteerte Strasse am Felsabrgrund. Wir stehen also vor der Entscheidung, dieses Risiko einzugehen, oder wieder zurück nach Popayan, und von dort aus weiter. Das wäre ein stundenlanger Umweg. Wir entscheiden uns für die Risikostrecke. Das Gute an dieser Strecke sei, habe ich gelesen, die spektakuläre Aussicht. Wahnsinnig fest freuen wir uns nicht auf diese Aussicht, wir wünschten uns, es wäre Abend und wir sind sicher in Mocoa angekommen. Ich glaube wir wissen auch, dass dies vielleicht nicht der intelligenteste Entscheid unseres Lebens war. Heute ist es neblig und es regnet. Aussicht werden wir darum kaum geniessen können, und weil es nass ist, das sagt uns so ein Typ, ist die Strecke noch etwas gefährlicher als sonst. Unsere Laune und Vorfreude war noch nie tiefer. Wir ziehen das jetzt durch. Wir sind die einzigen Touristen im Bus, eine Einheimische fragt uns, ob wir wissen, dass dies die bekannte Todesstrecke ist? Sarah bejaht die Frage und bedankt sich fürs „daran erinnern“.
Nun, es war tatsächlich ein Abenteuer. Sooo schlimm wie das überall gestanden ist, wars aber auch wieder nicht. Ich bin sicher der Holländer wäre 27 Tode gestorben vor Angst. Aber uns beeindrucken solche Bergstrassen jetzt nicht mehr sooo fest. Ausser die Flussüberquerung, das war nicht lustig. Vielleicht auch besser dass es neblig war, denn so sind uns die tiefen Felsabgründe nicht so aufgefallen.

Das Ende der Welt

imageIn Mocoa verschmelzen die Anden mit dem grossen Amazonas-Dschungel. Hier trifft kaltes, massives Hochgebirge auf den heissen, feuchten Regenwald. Ich bin also wiedermal im Amazonas. Zumindest am Rande. Plötzlich ist die Luft wieder feucht und heiss. Das kleine, an Hässlichkeit kaum zu überbietende Städtchen wird vom Tourismus weitgehend ausgelassen. Es hat gerade mal ein Hostal hier. Ein Belgier ist mal auf die Idee gekommen, hier etwas für Backbacker anzubieten. Hier her kommen vor allem die Menschen, die keine Lust haben, in die Tiefen des Amazonas nach Leticia zu reisen. Hier kann man sich den Dschungel rasch einen Tag reinziehen und dann hopp weiter. Dies machen wir, nicht weil wir jetzt wahnsinnig Lust darauf haben, aber weils auf dem Weg liegt. Wir sind alle nicht so Fan von feuchter Luft. Bekannt hier ist vor allem die Wanderung zum „Fin del Mundo“, also zum Ende der Welt. Da kann man bis zu einem Wasserfall wandern, der dann tief die Schlucht runterzieht. Wir laufen also auf diesem feucht-glitschigen Dschungelweg, und hoffen, dass es nicht zu regnen beginnt. Denn dann verwandelt sich der Weg in eine Rutschpartie. imageIst ja klar dass es passiert. Wir sind im Regenwald, da regnets. Nach knapp zwei Stunden wandern, sind wir da, am Ende der Welt. Und das ist tatsächlich eindrücklich. Da läuftst du zwei Stunden, triffst auf einen Fluss und plötzlich geht der mitten im Dschungel die Schlucht runter. Die mutigen Abenteurer, zu denen zähle ich mich selbstverständlich dazu, können hier ein Abgrund-Selfie machen. Da liegt man an die Klippe, den Kopf hievt man langsam über den Abgrund und Klick. Ein Highlight, wirklich! Weniger ein Highlight ist, dass wir nun alles wieder zurücklaufen müssen. Es regnet inzwischen in Strömen. Dass wir, speziell ich als Obertollpätschli, es geschafft haben nicht auszurutschen, ist ein Wunder. Trotz der feuchten Angelegenheit, dieser Abstecher hat sich gelohnt! Und wir wissen auch, dass es bald trocknet. Wir gehen nämlich in die Wüste.

Tatacoa

So heisst sie, Tatacoa-Wüste. Zum Glück ist es bewölkt. Denn, wenn hier die Sonne voll gibim runterbrätscht, dann hält man das nicht aus. Aber so geht’s grad. Vor vielen Tausend Jahren war hier mal alles See. Darum siehts heute so aus. Viel mehr gibt’s nicht zu sagen, Bilder sprechen lassen lohnt sich hier besonders, es ist der Wahnsinn!!

Es scheint, als würden wir hier so viel Vegetations-Extreme wie möglich abklappern. Eigentlich ist das nicht der Plan, wir reisen einfach durch Kolumbien. Das nächste Ziel, und das ist der Abschluss: San Andres, Karibikinsel.

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Die Insel markiert den nördlichsten Punkt Koliumbiens. Sie ist die Nachbarinsel der Corn Islands, Nicaragua, dort war ich ja schon. Auch San Andres hat mal zu Nicaragua gehört, macht geografisch auch Sinn. Kolumbien hat die Insel aber mal abgekauft, ist ja noch schön, so eine karibische Trauminsel zu haben. So wird sie zumindest verkauft. Ganz so der Traum habe ich es nicht gefunden.

imageKlar, der Sand ist weiss, das Wasser karibikgerecht cyan-farbig, mehr geht nicht. Das ist wirklich schön. Leider, und das wussten wir nicht, haben wirs genau auf die Hochsaison geschafft. Die Strände sind Rimini-mässig vollgepflastert, es macht einfach keine Freude. Da kann das Wasser noch so hellblau leuchten. Der Stadtstrand und die umliegenden Inseln haben wir schnell gesehen. Wir wollen unseren einsamen Traumstrand entdecken. Darum mieten wir so ein kleines Gefährt, hier fahren alle mit diesen Dingern herum, und erkunden die Insel. Zuerst zu einem bekannten Schnorchelplatz. Um dort ins Wasser zu gehen, muss man zahlen! Warum? Ein Rätsel. Die Unterwasserwelt war dann auch nichts. Ein paar Fische, Korallen: Fehlanzeige. imageWir fahren weiter auf die andere Seite der Insel. Dort soll es traumhafte Strände geben. Auch diese kommen leider auch nicht über ein naja hinaus. Einfach nicht sooo schön. Überall hats Ruinen, Häuser die man einfach zerfallen lässt. Jemand zieht aus, niemand zieht ein, das Haus wird seinem Schicksaal überlassen, so läuft es offenbar. Am letzten Tag wird mir bewusst, dass ich noch kein einzigen Bild geschossen habe auf dieser Insel. Ein gutes Zeichen ist das nicht. Es ist kaum ein Bild möglich, bei dem man nachträglich nicht eine Ruine oder Menschenmassen wegretouchieren müsste.

Aber, es braucht ja auch nicht immer schöne Bilder. Denn, es sind vorallem tolle, emotionale und lustige Momente, die eine Zeit unvergesslich macht. Und an diesen Momenten mangelte es nicht die letzten drei Wochen. Danke, Sarah und Leila, durfte ich mit euch reisen. Es war ganz ganz toll, eine Wucht mit euch!!

Das wars dann. Ich komme bald nach Hause. Meine Gedanken zur Rückker, im nächsten Beitrag…

 

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Abseits des Reiseführers

Die Wolken sind zum Greiffen nah, das Blau des Himmels wirkt stärker, etwas dunkler. Kühe und Schafe weiden auf saftig, grünen Hügel, sie werden gespiegelt im See. Ein leichter, angenehmer Wind weht, haucht den Bäumen Leben ein. Die Schönheit dieser Landschaft nimmt mich grad völlig mit, ich bin tief berührt.

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Lago de Tota. Der grösste See Kolumbiens liegt auf über 3000 Metern über Meer und ist etwas grösser wie der Zugersee. Eingebettet in grüne Hügel liegt der See im Gebiet Boyacá, ein paar Stunden nördlich von Bogotá. Nach einem guten Monat Leben in Grossstädten, bin ich wieder unterwegs, diesmal, abseits meines Reiseführers. Der Lago de Tota ist auf über 680 Seiten meines Kolumbien-Buchs unerwähnt. Warum, ist mir ein grosses Rätsel. Denn, ich bin Fan von allem hier, es ist einfach ganz ganz fest schön. Ich frage mich, warum mir dieses Gebiet so nahe geht. Schon lange hat mich nichts mehr so berührt. Ich dachte eigentlich, ich habe schon so viel gesehen, mich kann nicht mehr so schnell etwas umhauen. Dann wird mir plötzlich klar, es sieht aus wie in der Schweiz hier. Nach vier Monaten Reisen realisiere ich, dass mich fantastische Landschaften, wie sie auch in der Schweiz typisch sind, eben doch am meisten, oder sagen wir sehr fest, berühren. Vielleicht habe ich auch tatsächlich ein wenig, nur ein ganz klein wenig lange Zeit nach der Schweiz. Wie auch immer, ganz alles sieht nicht schweizerisch aus hier. Der See hat ein weisser Sandstrand. Wirklich! Man muss sich vorstellen, die ganze Region liegt 500 Meter höher wie die Spitze des Säntis. Wenn die Sonne scheint, kann die Temperatur trotzdem bis auf 24 Grad raufklettern. In der Nacht wirds kalt, weit unter zehn Grad. Und dann taucht da plötzlich ein grosser, weisser Sandstrand auf. Es ist zum die Augen reiben, wie eine Fata Morgana. Der Sand ist fein wie in der tiefen Karibik auf Little Corn Island. Das sieht so krass komisch aus, wie ein Naturwunder, einfach so schön, an der Grenze zu unecht. Ich ziehe mir die Socken aus und lege mich in den Sand, schliesse die Augen und frage mich, gibt’s das wirklich..?! Ich bin überwältigt.

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Das Foto unten zeigt die Sicht aus meiner Bleibe, aus meinem Zimmer (!!!)

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Der Lago de Tota hat mir mal jemand empfohlen, ist also ein Geheimtipp. Das ganze Gebiet ist komplett untouristisch, ich habe drei Tage keinen einzigen nicht-Kolumbianer gesehen. Das ist toll, es ist so ein Gefühl des Entdeckens. Wenn ich Städte, Plätze, Landschaften besuche, die im Reiseführer als Highlight gelistet sind, dann weiss ich, es ist wahrscheinlich schön da, sonst wärs ja nicht dort drin. Aber ich weiss auch, dass da schon ganz viele Menschen waren, und dass diese Kirche, dieser Vulkan oder dieser Strand schon millionenfach in irgend welchen Fotoalben oder Festplatten darauf warten, angeschaut zu werden. Es kommt mir dann amix so als Pflichtübung vor: Soo jetzt kommt der Remo, der 52`300`227igste Besucher der nun auch noch sein Föteli schiesst. An diesen Touristen-Orten stehen auch perfekt ausgerüstete Hotels bereit, fancy Restaurants verwöhnen den Europäischen Feinschmecker-Gaumen. Ich sehe Dinge, und das können verdammt schöne Dinge sein, die schon Millionen Reisende vor mir bestaunt haben. Das ist ja überhaupt nichts Schlechtes, und kann auch ein sehr sehr beeindruckendes Erlebnis sein. Aber wenn man einen Ort besucht, welcher nicht als Reiseziel bekannt ist, und auch null, oder sagen wir sehr sehr wenige touristische Infrastruktur bietet, dann ist das einfach nochmals etwas besonderer. imageExklusiver irgendwie. Aber, dafür auch mit weniger Komfort. Da ist nichts auf Touristen ausgerichtet. Wifi ist nicht vorhanden, nirgends, da bringt auch meine Kolumbianischen Nummer nichts. Restaurants sind nur beim genauen Hinsehen als solche zu erkennen. Und es gibt in allen genau das Selbe: Rindfleisch oder Poulet mit Reis, Bohnen und frittierten Bananen, das Standartmenu in Zentral- und Südamerika. In den einfachen Unterkünften erinnert der Druck der Duschbrause eher ans Abtropfen am Pissoir, als an einen Regenwald. Und die Matraze ist entweder feucht oder bickelhart. Mit etwas Pech, beides. Das alles ist aber so was von kein Problem, wenn man dafür Naturwunder wie der Lago de Tota bestaunen kann, der komischerweise oder zufällig noch niemand entdeckt hat. Genau diese Dinge aufzuspüren machen das Reisen eben zu dem was es ist: Das Grösste!
Tapettenwechsel

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Capurgana

Und weil ich so Freude habe an Orten, die von Reisenden in der Regel ausgelassen werden, bleibe ich abseits des Reiseführers. Ich wechsle aber die Tapette. Ich reise in eine Region, die unterschiedlicher nicht sein könnte. Hellblaues Wasser, Palmen, Dschungel. In Kolumbien kann man ein paar Stunden reisen, und man ist in einer völlig, wirklich, völlig anderen Welt. Ich bin wiedermal in der Karibik. Aber nicht an den bekannten Stränden um Cartagena oder Santa Marta. Ich bin in Capurgana. Zusammen mit Sapzurro ist Capurgana das letzte Kolumbianische Küstendorf vor der Grenze zu Panama. Von Sapzurro kann man innerhalb einer halben Stunde über einen Dschungelhügel von Südamerika nach Zentralamerika, nach Panama laufen, in das kleine Fischerdorf „La Miel“. Die drei Dörfer sind völlig abgeschnitten vom Rest ihrer Länder, es fahren keine Auto. Das Gebiet ist nur übers Wasser oder mit Kleinflugzeugen erreichbar.

Und was mach ich hier? Zwei Gründe. Grund eins: Dieses Gebiet ist bekannt für Riesenschildkröten, meine Liebelingstiere. Also die Schildkröte allgemein, riesig muss die nicht unbedingt sein. Die hier seien es aber, hat mir mal jemand ganz begeistert erzählt. Zwischen April und Juni kommen sie jeweils an den Strand und legen hier ihre Eier. Toll, dachte ich, als ich gesehen habe wo das liegt. Das wäre dann der Grund zwei: Ich bin seit bald über drei Monaten in Kolumbien, brauche also einen neuen Stempel, um noch etwas länger zu bleiben. Da kann ich schnell über die Grenze und in Panama einen neuen Stempel holen, dachte ich. Auch das hat mir die selbe Person erzählt. Stempel und Schildkröten, darum bin ich hier. Natürlich auch weil ich es sehr reizvoll finde, an einem Ort zu sein, welcher vom Massentourismus noch weitgehend unentdeckt ist und auch in meinem Reiseführer nicht mit einem Wort erwähnt ist.

imageCapurgana hat zwar einen kleinen Flughafen, ich konnte aber keinen Flug direkt hier hin buchen, mir blieb darum nur die beschwerliche Variante: Zuerst von Medellin in das recht hässliche, kleine Küstenort Nicoclí, und von dort auf einer etwa 90-minütiger Schifffahrt rüber nach Capurgana. Das Dorf wurde vor zwanzig Jahren schon als Ort mit grossem touristischem Potenzial entdeckt. Damals wurden wie wild Hotels aus dem Boden gestampft. Dann kamen die Farcs, übernahmen Kontrolle des gesamten Grenzgebiets Kolumbien-Panama. Logisch, dass danach keiner mehr Ferien machen wollte hier. Das Gebiet wurde offiziell für gefährlich erklärt. Seit ein paar Jahren haben sich die Farcs zurückgezogen. Geblieben sind Dutzende, teils schon fast unheimliche Hotelruinen, aus einer Zeit in der Capurgana auf dem besten Weg war, ein touristisches Ferienparadies zu werden. Naja, ein Paradies ist es tatsächlich, einfach nach wie vor nicht wirklich touristisch. Seither wurde Capurgana irgendwie vergessen. Inzwischen gibt es wieder ein paar Unterkünfte. Eines davon gehört zum Teil dem Zürcher Silvio, der nach Capurgana, ans Ende der Welt ausgewandert ist. Er lebt seit fünf Jahren in der völligen Abgeschiedenheit in diesem Karibikkaff, dass nicht sonderlich viel zu bieten hat. Die touristische Infrastruktur ist äusserst dünn, der Strom fällt immer wieder aus. Silvios Hostal ist das einzige mit einem mehr oder weniger funktionierenden Wifi.

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Hotelruine in Capurgana

Der bald 60-jährige Zürcher hatte keine Lust mehr auf die Kälte in der Schweiz. Er wollte an einen Ort leben, wo er das ganze Jahr FlipFlops tragen kann und ein kurzärmeliges Hemd. Er lebt bereits seit fünf Jahren hier. Für mich nicht ganz einfach vorzustellen. Silvio zeigt mir das ganze Dorf, auch die Hotelruinen. Zusammen mit seiner Kolumbianischen Frau wohnt er in dem wohl luxuriösesten Haus im Dorf. Er könne sich kein besseres Leben vorstellen, wie hier in Capurgana.

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Silvio in seinem Paradies

Aber ich bin ja nicht nur zum Plausch hier. Ich habe zu tun. Ich muss rüber nach Panama, um einen neuen Stempel zu holen. Am ersten Tag bereits nehme ich das Schiff rüber nach Sapzurro, das Dorf, am Grenzstein zu Panama. Sogleich nehme ich auch den Spaziergang in Angriff, über den Dschungelhügel nach „La Miel“ in Panama.

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Zwischen Kolumbien und Panama

Es ist feucht und heiss, wie ich das bereits aus dem Amazonas kenne. Bei der kleinsten Anstrengung läuft der Schweiss. Zuoberst auf dem Hügel ist der Grenzposten. Da stehen ein paar Kolumbianische und Panamaische Soldaten voll ausgerüstet mit Schusswesten und langärmeligem Tarnanzug. Das muss angenehm sein bei dieser Bruthitze. Ich muss den Pass zeigen und darf passieren. Ein paar Kolumbianische Touristen machen noch Föteli. Ist natürlich lustig, mitten im Dschungel, mit einem Fuss in Südamerika und mit dem anderen in Nordamerika zu stehen, auf zwei Kontinenten also. Ich mach natürlich auch das obligate Selfie. Nun bin ich also wieder in Panama, wer hätte das gedacht. Den Ausreisestempel habe ich in Capurgana bereits besorgt. Ich laufe den Hügel runter nach La Miel. So ein komisches Gefühl, einfach plötzlich nicht mehr zuhause in Kolumbien zu sein. Warum gehört dieses La Miel eigentlich zu Panama, da komplett abgeschnitten vom Rest des Landes?

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Der Hafen von La Miel, Panama

Warum geht der Grenzstrich durch diese drei Dörfer? Das habe ich einen alten Mann gefragt. Er schaute mich etwas verwundert an, wartete eine Weile mit der Antwort, meinte dann aber: „Der Grenzstrich war zuerst da.“ Macht Sinn, finde ich. La Miel selber ist nichts besonderes, noch eine schöne Beach. Aber das Dorf sieht aus wie nach einem Erdbeben. Wiele Häuser sind keine mehr, überall Ruinen und Dreck, und es riecht unschön. Krank aussehende Hunde strielen einem um die Beine. Den selben älteren Mann, ich kann mich nicht mehr an seinen Namen erinnern, obwohl wir uns vorgestellt haben. Ich frage ihn, wie ich nach Puerto Obaldía komme, wann das Schiff fährt. Puerto Obaldía ist der Ort neben La Miel, dort hat es einen kleinen Flugplatz. Dort kriege ich den Stempel, habe ich im Interent gelesen. „In einer halben Stunde“, sagt er etwas unsicher. Also laufe ich zu diesem kleinen Steg. Heute fahre kein Boot, sagt mir ein mittelmässig freundlicher Typ, der gerade aus seinem Schiff auf den Steg klettert. Ob er mich nicht rasch hinbringen könne, frage ich ihn. „Ja, für 30 Dollars.“ Sonst müsse ich zurück nach Capurgana und von dort aus schauen. Mit wenig Freude gehe ich zurück nach Capurgana, das grösste dieser drei Dörfer. Dort sagt mir Silvio im Hostel, er habe herausgefunden, dass wenn man den Stempel auf der Migracion in Bogotá oder Medellín machen lässt, kostet das nur etwa 30 Dollars, vielleicht lohne sich dieser ganze Aufwand gar nicht. Lohnt sich tatsächlich nicht, finde ich. Ich verzichte also darauf, nochmals zu probieren, über die Grenze zu gelangen. Ich habe von Reisenden gehört, eine Visaverlängerung kostet einige Hundert Dollars. Wie auch immer, das mit dieser Stempelgeschichte geben ich auf hier, und versuche es auf der Migration in Medellín, ich geh ja eh nochmals zurück.

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Auf dem Weg nach Acandí

Nun, will ich endlich die Riesenschildkröten sehen. Im Hostal lerne ich den Spanier Alejandro kennen, er möchte auch. Wir erkundigen uns, an welchen Stränden die denn am meisten anzutreffen sind. Wir müssen nach Acandí, ein Dorf, 30 Minuten Schifffahrt südlich. Die Riesenschildkröten kommen nur in der Nacht. Am nächsten Tag gehen wir also auf den späten Nachmittag nach Acandí, checken in einer Unterkunft ein. Was für ein richtig hässliches Dorf. Hier ist einfach nichts schön, nicht mal die Beach. Restaurants gibt’s keine, es stinkt. Beim Metzger werden Sauen in Reih und Glied an Fleischerhacken hängend präsentiert. Wir kaufen uns ein paar Brötchen bei einem Beck und gehen dann an die Beach. Es ist bereits dunkel. Überall sehen wir die Spuren der Schildkröten. Ein Strand voller Dreck und angeschwemmtem Abfall, und wir sitzen mittendrin auf einem umgeknickten Palmenstamm. Etwas später essen wir unsere Brötchen, sie schmecken uns nicht. Trotzdem, es ist irgendwie schön. Wir freuen uns auf die Schildkröten, wenn sie dann endlich aus dem Meer kommen, und ihre Eier legen. Es hat ja überall Spuren, die müssen ja kommen, sind wir mit einer guten Portion Zuversicht überzeugt. Alejandro und ich reden stundenlang über Gott und die Welt, laufen den Strand rauf und runter, leuchten mit der Taschenlampe alles aus. Aber sie kommen einfach nicht. Noch nicht, denken wir, und gehen zurück in die Unterkunft im Dorf. Wir legen uns hin für ein paar Stunden und gehen so um zwei Uhr Nachts nochmals raus. Der Himmel ist sternenklar. „Wir haben Glück“, sage ich zu Alejandro, denn normalerweise regnet es hier fast jede Nacht. Wieder laufen wir der Beach entlang, etwa 20 Minuten, immernoch werden wir nicht Zeuge einer Schildkrötengeburt. Wir bemerken aber, dass plötzlich die Sterne weg sind. Irgendwie unheimlich, es ist stockfinster. Die Batterie von Alejandros Taschenlampe wir immer schwächer. Wir entscheiden uns zurück zu gehen, das Dorf ist in diesem Moment etwa 30 Minuten Fussmarsch entfernt. Ein paar Sekunden danach beginnt der Regen. Und wenn es regnet hier, dann ist das kein lauer Sommerregen. Es geht keine 20 Sekunden und wir sind pflotschnass, wirklich komplett durchnässt. Als Taschenlampe habe ich mein iPhone 6 dabei. Ich versuche die Öffnungen mit den Fingern zuzudrücken und halte es in meine Unterhose. Auch die ist nass, aber im Vergleich ist das der trockenste Ort, den ich im Moment zur Verfügung habe. Es regnet in Strömen, Alejandros Taschenlampe wird immer schwächer. Wir wissen, ohne dieses Licht, werden wir den Weg ins Dorf nicht zurückfinden. Den es gibt nur ein Strässchen dass wir erwischen müssen, das zur Beach führt, sonst ist da nur Dschungel. Wir gehen immer schneller. Die Feuchtigkeit lockt die Tierwelt an, immer mehr Riesenkröten und Krebse tummeln sich im Sand. Das sind genau diese beiden Tiere die mir, ich würde nicht sagen Angst machen, aber mir schon ziemlich unangenehm sind. Es regnet weiter, erbarmungslos. Zwischen Beach und Dschnungel hat sich ein Bach gebildet. Da die Taschenlampe nur noch einige Meter ausleuchtet, müssen wir in diesem Bach laufen, damit wir den Weg erkennen. Ich bin direkt hinter Alejandro, halte sein T-Shirt und laufe einfach. Ab und zu sehe ich im immer schwächer werdenden Lichtkegel der Taschenlampe, Riesenkrebse vorbeihuschen. Ich schliesse darum die Augen, halte das T-Shirt noch etwas mehr, und laufe, knietief im Bach. Immer wieder spüre ich wie Frösche und Kröten gegen meine Beine springen, ab und zu zwackt es an meinen Füssen, ich gehe mal davon aus, dass das Krebse sind. Es ist der blanke Horror. Ich will nur noch da durch, in mein Bettli. Immer wieder sagt Alejandro: „Passiert das wirklich oder ist das ein fackin` Albtraum?!“ Die grösste Sorge in diesem Moment ist aber nicht meine durch Krebse und Sandfliegen verstochenen Füsse und Beine, sondern mein iPhone. Bitte Lieber Gott, mach dass mein Handy diesen Horror überlebt. Ich sagte Gott, dass mich von mier aus neben den Krebsen auch die Kröten beissen dürfen, aber bitte lass mein iPhone leben!! Mein iPhone hat tatsächlich überlebt. Krass. Ach, ich habe gar noch nicht erwähnt, wir haben keine Riesenschildkröten gesehen. Dafür ganz viele andere Tiere. Am nächsten Tag zeugen vor allem meine Beine von diesem Erlebnis der anderen Art.

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Der Traumstrand von Capurgana

Ich bin zurück in Capurgana, es ist bereits mein letzter Tag hier. Ich liege am wunderschönen Strand des Dorfes. Was waren nochmals meine Gründe, warum ich überhaupt hier rauf gereist bin? Manchmal gehen Pläne nicht auf. Aber sind Erlebnisse, die im Moment zwar nicht sehr angenehm sind, nicht die besten Geschichten, die lustigsten Erinnerungen? Ich verlasse Capurgana mit etwas lädierten Beinen, aber auch mit einem Schmunzeln.

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Überproportioniert

„Da wirds dir gefallen, in Medellín sind alle Frauen ein Träumchen!“, hat mir mal einer gesagt, bevor ich hier her kam. Nun habe ich herausgefunden, dass dieser Typ auf Barbys steht. Übergeschminkt, überproportioniert und unecht sind die Frauen hier. Oder sagen wir, auffällig viele. In Medellín ist es überhaupt nichts Spezielles, wenn sich Frau die Brüste aufpimpen und sich Fussbälle in den Arsch machen lässt. Und das schon im zarten Alter von 18 Jahren, wenn die Brüste noch nicht mal ausgewachsen sind. Schon im Norden in Cartagena sind Schönheitseingriffe keine Seltenheit (siehe Eintrag „Der heisse Norden“), in Medellín ist es noch viel verbreiteter. Hier schenken Eltern ihren Teenie-Kindern eine Brust-OP auf den 18. Geburi. Klar, es ist eine andere Welt. Bei vielem muss man sagen, das ist hier halt so, das muss man respektieren, andere Kulter und so.. Das hier finde ich aber ganz einfach birreweich.

Verfälschtes Schönheitsideal

imageZuerst das Positive: In Kolumbien gibt es ganz wenige Hungerhacken, keine Zahnstochermodels, die grad gar nichts mehr mit Sex zu tun haben. Hier zeigt man gesunde Rundungen und ist stolz darauf. Toll! Die Frauen haben bereits von Natur aus mehr Kurven. Ich würde mal sagen dass eine Latina etwa ein Körbchen grösser trägt wie eine Europäerin, und die füllt das auch! Und dass diese salsatanzenden Chicas hier drüben auch einen grösseren Arsch schwingen ist bekannt. Es ist also eh völlig absurd, da noch etwas dran zu machen.
Mir hat es mal jemand so erklärt: Die Frauen, die von Natur aus ein B-Körbchen oder kleiner mit auf den Lebensweg bekommen haben, fallen hier auf, lassen ihren Vorbau also sowieso aufmöbeln. Meist nach dem Motto: „Wenn schon, denn schon“. Dann gibt es die, die bereits grosse Brüste haben. Die schauen in ein Schaufenster, sehen dort eine Puppe mit einem Doppel-D und meinen dann aus Versehen, das sei schön. Das Schönheitsideal wurde hier in diese Richtung sozusagen gezüchtet. imageEs wird auch immer einfacher gemacht, seit ein paar Jahren können Schönheits-OPs in Raten bezahlt werden. Und um so mehr Frauen sich aufmöbeln lassen, umso normaler wird es. Um so normaler werden auch völlig unproportionierte Wesen, die da auf der Strasse auf ihren viel zu hohen Stögelischuhen herumwackeln, oder mir auf der Tanzfläche, Vujo würde sagen, blinkende Blicke zuwerfen. Dann suche ich meistens sehr schnell das Weite. Auch schon habe ich es gewagt. Man muss vielleicht sagen, die Berührungsängste sind hier deutlich kleiner. Da spürt man auf der Tanzfläche Sachen, auf die Mann hätte verzichten können. Ich habe ja eh schon Respekt vor grossen Brüsten, die sich beim Tanzen nicht bewegen. Ich muss immer wieder an Beton im Wind denken. Und dann, wenn sie mich ran drückt, sie meint wahrscheinlich, ich finde das wahnsinnig toll, würde ich am liebsten flüchten. Riesenbrüste, betonhart, mit einem PushUp noch so raufgedrückt, dass sich fast eine horizontale Fläche bilden. Ich kann mir einfach nicht vorstellen, dass das irgend jemand schön finden kann..da törnt mich ein Typ mehr an, oder sicher weniger ab.

Unmissverständlich

Aber man muss sagen, es gibt auch viele Schönheiten hier in Kolumbien. Nach meiner Meinung: Mehr in Bogota wie in Medellin. Und die, um nochmals auf die blinkenden Blicke zurückzukommen, machen nicht lang rum. Wenn eine im Club mit mir tanzen will, gibt sie mir das unmissverständlich zu erkennen. Entweder habe ich plötzlich ein herumwirbelnder Latinaarsch vor mir, oder dann, schaut sie. Und Frauen hier werfen uns Männern vielaussagende Blicke zu.

Da gibt’s A.) der „Hola, ich will heute noch mit dir ins Bett-Blick“. Das ist ein langanhaltender Blick, Augen neckisch zusammengekneift, Mund leicht geöffnet. Die Zunge gleitet entweder ganz offensichtlich der Oberlippe entlang, oder dann ist sie einfach erkennbar.

Oder B.) der „Hola, ich würde jetzt gerne ein bisschen mit dir tanzen, lass dich nachher auch gerne wieder gehen-Blick“. Der kommt meist von einer, die vorher schon mit einigen andere Männern getanzt hat. Das ist kein langanhaltender Blick, sondern das sind mehr so kurze, intensive Blicke zwischen den Tanzdrehungen.

Dann gibt’s C.) der „Hola, ich finde dich echt interessant-Blick“. Bei diesem Blick wird nichts zusammengekneift. Ein natürlicher Blick, die Augen bleiben dabei ganz offen, der Mund ist zu und formt sich zu einem sympathischen Lächeln.

Das sind drei Beispiele..es gibt noch einige mehr. Spannend ist, dass Blicke hier mehr sagen als ganz viele Worte. Da weiss man immer genau woran man bei wem ist. In der Schweiz schaut der Mann, die Frau zwar auch, tut dann aber so, als würde sie nicht schauen, wenn er schaut. Er macht dann eine Risikoabwägung, wie gross ist die Chance dass sie ihn abweist? Aber nur schon beim Gedanken einer Abweisung hat er den Schiss in der Hose. Zuhause im Bett denkt sich dann der Typ, vielleicht hätte ich etwas machen müssen. Und die Frau fragt sich, warum hat er nichts gemacht, hätte ich ächt mehr schauen müssen?

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Bogotá

 

Spanisch in Echt

Ich habe ja meine Schulzeit in Medellín von drei auf zwei Wochen gekürzt. Auf der einen Seite, weil die Schullektionen nicht meinen Vorstellungen entsprachen. Aber auch, weil ich eine bessere Idee habe, um meinem Spanisch einen ordentlichen Schupps zu geben. Sprechen. Ganz viel Spanisch sprechen.

Ich gehe nach Bogotá zurück. Warum? Weil ich einfach Lust habe, in Bogotá habe ich irgendwie lässigere Menschen getroffen. Und das will ich ja jetzt, spanischsprechende Menschen treffen. Ganz viele. Ich kenne schon ein paar, das genügt aber noch nicht, meine Tage zu füllen. Und was macht man, wenn man schnell Menschen treffen will? Genau, man installiert Tinder! Schon am letzten Tag in Medellin habe ich munter drauflosgetindert, einige Dates habe ich mir bereits gesetzt. Ich habe jeweils ein Mittags und ein Abenddate abgemacht. Eine paar offene Timeslots habe ich mir noch gelassen, vielleicht möchte ich mich ja mit jemanden nochmals treffen. Angie zum Beispiel, sie war mein Montag-Mittag-Date. Sie ist Spanischlehrerin, also ein absoluter Glücksfall! Auf dem Foto hat sie einen sportlichen Eindruck gemacht, das war in Realität nicht- bis gar nicht der Fall. Aber das ist mir zum Glück ziemlich egal, ich konnte sehr viel von ihr profitieren. Und sie hatte Freude daran mir zu helfen. Wir hatten gute Gespräche.

Ich habe spannende und weniger spannende Menschen kennengelernt, dabei viel über das Leben in Bogota erfahren. Ich habe Frauen getroffen, die sind richtige Reisefüdlis, waren schon in Nordamerika und Europa. Maria zum Beispiel, mein Montag-Abend-Date. 24-jährig, und nicht viel anders denkend wie eine Europäerin. Dann gibt es aber auch das komplette Gegenteil. Einige von ihnen haben im Alter von 25 Jahren den Grossraum Bogota noch nie verlassen. Das hat mich schockiert. Die Vorstellung nicht mal das eigene Land zu kennen ist schwierig. Das hat die absurde Situation ergeben, dass ich meinen Dates Regionen ihres eigenen Landes beschrieben habe, und erklärt, dass sie in einem verdammt schönen Land leben. Viele haben aber auch überhaupt nicht das Bedürfniss zu verreisen. Adriana zum Beispiel, mein Samstag-Nachmittags-Date. Auf die Frage, wie das sein kann, dass sie Bogotá noch nie verlassen habe sagte sie ruhig: „Warum auch, ich bin ja glücklich hier.“

Ich bin auch glücklich hier, will aber trotzdem weiter. Nach einem Monat Leben in den Grossstädten Medellín und Bogotá, beginnt für mich das Reiseleben wieder. Ich mache mich auf in den Norden von Bogotá. Die nächsten zwei Wochen werde ich abseits des Reiseführers unterwegs sein, mit grosser Vorfreude.

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Reisepause im ewigen Frühling

Noch vor zwanzig Jahren war es der gefährlichste Ort der Welt. Heute, ist es der Innovativste. Medellín. Kaum eine andere Stadt hat in so kurzer Zeit, einen derartigen Wandel geschafft. Und wie das? Mit Luftseilgondeln und Openair-Rolltreppen.

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Das sei eine gute Stadt um zu bleiben, wurde mir berichtet. Darum bleibe ich. Auch, weil es hier schön warm ist. Medellín ist die Frühlingsstadt. Das ganze Jahr um die 23-24 Grad! Nach drei Monaten herumreisen habe ich das Bedürfnis, einfach mal irgendwo zu sein. Und ich möchte endlich in der Lage sein, mit den Menschen zu kommunizieren. Nicht nur „Hola“ und „como estas?“. Ich drücke also nochmals die Schulbank hier in Medellin. Drei Wochen Wohnen in einer Gastfamilie und jeden Wochentag vier Stunden Schule. Ich setze mich quasi dem Spanisch aus, möchte so wenig wie möglich Englisch oder Deutsch sprechen. Klar, ganz ohne ist schwierig. Da gibt es ja auch Schuelgspändli, die der Sprache ähnlich wenig mächtig sind. Nach diesen drei Wochen möchte ich sagen können: „Ich spreche Spanisch.“ Ich habe eine lässige Klasse. Zwei Deutsche, ein französischsprechender Kanadier, und Rob, aus London. Der erste Eindruck der Schule ist gut. Ich habe extra eine neue Schule ausgewählt, mit der Überlegung, dass wenn man neu eine Schule ins Leben ruft, werden die das schon gut machen. Ich meine, wer eröffnet schon eine schlechte Schule? Leider hat sich diese Überlegung nicht bewahrheitet. Ganz fest nicht. Aber dazu später.

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Am Donnerstag bin ich in Medellín eingetroffen. Ich beginne meine Zeit hier also mit einem Partywochenende. Auch grad hier sind tolle Menschen die ich im heissen Norden in Cartagena kennengelernt habe: Julia, Rägi und Niggi von der Zürcher Pfnüselküste und Ueli aus Fehraltdorf. Ich bin also wiedermal in einem Schweizergrüppli gelandet. Auch grad hier in Medellin sind David und Alex, also wiedermal eine TeleZüri-Reunion. David wohnt ja in Bogota, und Alex ist auf Besuch. Auf dem Foto sind wir in einer Luftseilgondel. Medellin hat vier davon. Sie verbinden die armen Gebiete mit dem Zentrum. Die Verbindung ist einer der Gründe, warum Medellin heute sicherer ist.

Medellín war ganz unten, 1993 nach dem Tot Escobars. Der Drogenbaron war in den 70er und 80er Jahren einer der reichsten und mächtigsten Menschen der Welt. Der Typ verdiente zu seinen besten Zeiten anderthalb Millionen Dollars pro Tag! Escobar war aber auch äusserst brutal. Menschen die ihm im Weg standen, liess er kaltblütig abknallen. Hunderte Menschen hat der Mann auf dem Gewissen. Und von hier aus, lenkte er seine illegalen Geschäfte. Medellín wurde zur Drogenhauptstadt der Welt, Dreh und Angelpunkt von illegalem Drogenhandel. Dies wird ihr auch heute noch nachgesagt. Und ich habe den Eindruck, dass da wohl etwas dran ist. Überall auf der Strasse versuchen Typen, getarnt als Kaugummi und Zigarettenverkäufer, einem Drogen zu verkaufen. Dutzende Male jeden Tag. Auch ist mir aufgefallen, dass einige Läden an bester Lage komische Sachen verkaufen. Ich kann mir fast nicht vorstellen, dass die den Mietpreis mit dieser „offiziellen“ Ware rausholen. Ich kann mir gut vorstellen, dass da im Versteckten auch heute noch munter, im grossen Stiel gedealt wird. Aber klar, mit den 80ern ist das natürlich überhaupt nicht vergleichbar. Damals war das hier in Medellín, in ganz Kolumbien, eine andere Welt. Noch vor 20 Jahren war es völlig unvorstellbar hier her zu reisen. Ganz Kolumbien war damals für vieles bekannt, aber ganz sicher nicht als Reiseland. Viel zu gefährlich. Erst seit der Jahrtausendwende trauen sich Menschen nach Kolumbien zu reisen. Heute ist Medellín, der ehemals gefährlichste Ort der Welt, eines der Top-Reiseziele in Kolumbien. imageMedellín ist offiziell die innovativste Stadt der Welt! Diese Stadt hat gezeigt, wie man sich innerhalb von kürzester Zeit, aus der tiefsten Scheisse hocharbeitet. Und das mit guten Politikern. Mit Menschen, die richtig gehandelt haben, die richtigen Entscheidungen getroffen haben. Das grosse Problem war die Kriminalität in den Armenvierteln. Die Stadtregierung liess vier Luftseilbahnen bauen, Gondeln, die die Armenviertel mit dem Zentrum verbindet. Die Stadt rückte viel näher zusammen. Die Menschen fühlen sich mehr als Teil von Medellin, und nicht mehr so an den Rand gedrängt. Diese Gondeln sind aber nicht alles. In einem der heute noch ärmsten Gebiete Medellíns, liess die Stadt Rolltreppen bauen. Wirklich! Sechs Rolltreppen, mit denen die Menschen einfacher die Hänge rauf und runter kommen. Klingt völlig verrückt, aber auch das hat Wirkung gezeigt. Auch heute noch wird abgeraten alleine in dieses Gebiet „San Javier“ zu gehen. Ich bin darum mit Rob unterwegs. Wir haben beide ein etwas mulmiges Gefühl. Früher wurden hier offenbar immer wieder Touristen abgeknallt, die sich in dieses Gebiet verirrt haben. Grund: Weil sie Leute angelacht haben, und hier gäbe es nichts zu lachen. Diese Geschichte habe ich ein paar mal gehört, ist also kein ausrecherchierter Fakt🙂.

Rolltreppen, Gondeln, Metro, und, im Zentrum fahren sogar nocht Trams! Und dann gibts es zusätzlich noch ein dichtes Bussystem. Medellín ist völlig vernetzt und modern, wohl besser wie viele Eurpoäische Städte. imageAber besonders schön ist Medellin nicht. Klar, schöner wie Bogota, aber das ist noch schnell mal eine Stadt. Medellin hat keine Altstadt. Im Zentrum hats belebte Verkaufsstrassen, Plätze und Kirchen. Aber, und auf das stehen die meisten Touris, Medellín ha einen Stadtteil der „El Poblado“ genannt wird. Ich glaube der wurde extra für den Tourismus aus dem Boden gestampft. Hier leben und vergnügen sich Reisende, und Die Medellíner, die sicher nicht am Hungertuch knabbern müssen. Modernste Accesoirsläden im Disneyland-Stil neben teuren, fancy Restaurants. Fast übertrieben stilvoll, als hätten die um die Wette eingerichtet. Und auch die Häuser sind schön. Sonst sind die Kolumbianer nicht dafür bekannt, schöne Häuser zu bauen. Kalle Backsteinhochhäuser sind die Spezialität der Kolumbianer. Am Abend geht dann die Post ab in El Poblado. In den Parks wird unter bunten Lichterketten aufgewärmt, für die Partys in unzähligen Clubs. Aber ich bin ja nicht hier um Party zu machen. Oder nicht nur.

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Liebe auf den ersten Blick

Meine Familie lebt in Envigado. Eine Gemeinde südlich von Medellin. Diese Gemeinde hat eine Viertelmillion Einwohner, ist aber trotzdem keine Stadt. In der Schweiz darf ja ein Ort mit mehr als 10`000 Einwohner das Stadtrecht beantragen. In Kolumbien rechnet man da etwas anders. Wie auch immer. Luz öffnet mir die Tür, mein Gastmami, ich schätze sie auf 46 Jahre. Ihr Blick ist nicht besonders liebenswürdig, dieser erste Eindruck ist nicht so falsch, stellt sich später heraus. Luz arbeitet als Köchin und Putzfrau in einem Hostel und lebt schon ihr ganzes Leben in Envigado. Die Wohnung ist eine Wohngmeinschaft. Da lebt noch Omar der Taxifahrer, und Emely, das Misterium. Sie ist 24, sieht aber aus wie 34. Sie studiere Wirtschaft, sagt sie mir. Mir kommen sofort Zweifel auf. Die sieht so fest nicht nach einer Wirtschaftsstudentin aus. Sie sagt die ganze Zeit, wie stressig ihr Leben sei. Ob am Morgen wenn ich am zmörgelen bin, oder am Abend wenn ich nach Hause komme, Emely sitzt sie aber fast ausnahmenslos vor dem Compi im Facebook, keine Ahnung was es da zu tun gibt die ganzen Stunden. Wenn sie nicht vor dem Compi sitzt, betet sie laut vor sich hin. Druck hat sie wenig, Geld fliesst automatisch. Emely hat ein Haus geerbt. Statt darin zu wohnen, vermietet sie es. Somit kommt jeden Monat genügend Geld rein, um in einer WG eine ruhige Kugel zu schieben. So kommt es mir vor. Vielleicht tue ich ihr Unrecht. Aber ich finde sie komisch. Wir wurden nicht die besten Freunde. Zum Glück ist da noch Veronica, die neunjährige Tochter von Luz. Nochmals zurück zu diesem Momant, als Luz die Tür öffnet. Hinter ihr steht dieser Sonnenschein. Vom ersten Moment an, von der ersten Sekunde als sich unsere Blicke trafen, war uns beiden klar, das wir es gut haben werden. Ich habe noch nie so ein tolles Mädchen gesehen. Veronica ist ein aufgewecktes Meitli, hübsch, lernhungrig, wie ein Schwamm saugt sie alle Informationen auf. Sie scheint weiter zu sein, als sonst neunjährige Kinder. Sie will alles von mir wissen, sie korrigiert mich, wenn ich Fehler mache. Möchte aber gleichzeitig dass ich ihr Englisch beibringe. Wir machen also etwa jeden zweiten Abend eine kleine Schulstunde. Und ich helfe ihr bei den Hausaufgaben. Veronica lernt unglaublich schnell. Bis bei mir ein Wort Eingang in mein Spatzenhirni gefunden hat, muss ich es drei Mal lernen, und mindestens vier Mal auf der Strasse einsetzen, bis es wirklich abgespeichert ist. Veronica kann ich ein Wort auf Englisch übersetzen, und das Ding wandert straight in ihr Langzeitgedächnis. Wir lernen aber nicht nur zusammen. Wenns regnet, spielen wir Rummy, bei schönem Wetter Basketball, mit ihren Kumpels aus der Nachbarschaft. Einmal am Sonntag besuchten wir ein Fussballspiel des FC Envigado. Zusammen mit ihrem Vater, der getrennt lebt von der Mutter Luz.

Der Student

Der Grund warum ich hier bin ist aber nicht Baskettball spielen, sondern Spanisch lernen. Ich arbeite hart, versuche so viel Spanisch wie möglich zu sprechen, mit dem Taxifahrer, im Ausgang mit Einheimischen. Am Morgen habe ich jeweils vier Stunden Schule, am Nachmittag gehe ich nach dem Mittagessen in die Schule zurück, um zu lernen. Sogar wir Schüler sprechen oft Spanisch miteinander. Klar, immer geht nicht, ab und zu haben wir das Bedürfnis etwas Tiefgründigeres zu diskutieren, dann kommt Englisch zum Einsatz. Aber ich kann mit gutem Gewissen sagen: Ich bin fleissig hier! Ich habe auch das grosse Bedürfnis nach Brainfood. Nach drei Monaten Reisen, habe ich zwar viel erlebt, viele emotionale Momente, unvergessliche Erlebnisse. Aber wiedermal so richtig denken und lernen tut gut. Leider ist unser Lehrer ziemlich schlecht. Jeden Tag eine neue Zeitform. In der zweiten Woche bereits Subjunktiv. Das lernt man normalerweise nach Monaten. Oder gar nicht. In einigen spanischsprechenden Regionen wird der gar nicht eingesetzt. Darum haben wir als ganze Klasse entschieden, auf zwei Wochen zu verkürzen.

imageIch verlasse Medellín. Am Schluss warens dann doch drei Wochen, einfach nur zwei mit Schule. Ich hatte hier nach langer Zeit wieder so etwas wie Alltag. Jeden Morgen auf den Bus, 40 Minuten Fahrt im Morgenverkehr. Ich konnte mir so richtig vorstellen, wie es ist, hier in Medellín ein Leben zu führen. Ein Leben in einer anderen  Welt, das so anders gar nicht ist.

 

 

Dass ist die Schule verkürzt habe, heisst nicht dass ich aufhöre Spanisch zu Lernern. Ganz und gar nicht. Ich gehe zurück nach Bogota und werde so viel Spanisch sprechen wie noch nie. Wie das? Im nächsten Eintrag.

 

 

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Feuchtgebiet

Ich bin am südlichsten Punkt von Kolumbien, das südlichste Stück Weg, im Dreiländereck Brasilien – Peru – Kolumbien. Ich stehe am Ufer des Amazonas, nach dem Nil, der längste Fluss der Welt. Rechts die Insel Santa Rosa, sie gehört zu Peru, links Manaus, Brasilien. Und oben, die Sonne, die runterbrätscht. Ich war noch nie so nahe am Äquator. Da laufst du nur ein bisschen herum und schwitzst wie nach einer Stunde Joggen in der Winterthurer Sommersonne. Da leben tatsächlich über 40`000 Menschen hier unten, in diesem Leticia, dem südlichsten Ort von Kolumbien, mitten im Amazonasdschungel. Das Städtchen ist nur über den Luftweg zu erreichen, oder dann mit dem Schiff über den Amazonas. Für Besucher ist Leticia vorallem als Ausgangspunkt für Dschungeltrips interessant. Genau das machen wir.

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Der südlichste Punkt von Kolumbien, Leticia

Uns stehen drei Tage im tiefen Amazonas-Dschungel bevor. Wir sind: David und Oli, und Freunde von ihnen aus der Schweiz, Patty und Daniel. Und ich bin auch dabei.

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Tabatinga – Manaus – Brasilien

imageUnd plötzlich reden die Portugiesisch, plötzlich sind wir in Brasilien. Nur ganz schnell, für eine Stunde. Wenn es unser Guide nicht gesagt hätte, hätten wir wohl nicht mitbekommen, dass wir gerade eine Landesgrenze passiert haben. Wir stehen am Amazonasfluss, trinken Caipirinha, das brasilianische Nationalgetränk. Und werden Zeuge davon, wie die Sonne im Amazonas verschwindet. Eindrücklich, unser erster Abend. Eindrücklich oder interessant finde ich auch etwas anderes: Während sonst die Grenzen in Zentral- und Südamerika grosszügig bewacht werden, gibt’s hier gar nichts. Ohne irgend ein Papier zu zeigen, fahren wir über die Grenze von Kolumbien nach Manaus, im grossen Brasilien. Die Amazonasgebiete der drei Länder haben das so ausgehandelt. So etwas wie ein Personenfreizügigkeitsvertrag. Denn diese drei Regionen, Leticia (Kolumbien), Iquitos (Peru) und Tabatinga-Manaus (Brasilien) sind völlig vom Strassennetz abgeschnitten. Den Pass muss man erst dann zeigen, wenn man mit dem Schiff über den Amazonas ins Landesinnere gelangen will. Sympathisch, diese Massnahme, welche die ganze Region hier unten im Dschungel viel näher zusammenbringt.


Der Preis der Schönheit

Das mit dieser Luftfeuchtigkeit ist ausser dem Schwitzen nicht sooo schlimm. Ich habe es mir heftiger vorgestellt. Es wird einfach alles feucht, und das Frottetüechli will nicht trocknen. Etwas ungünstig ist es auch beim WC-Papier, es gibt Prickelnderes im Leben, wie feuchtes Toilettenpapier. Die Perlen des Dschungles zu entdecken, hat halt seinen Preis. Denn, es ist nicht angenehm, im Dschungel zu sein. Bruthitze, gegen die 100% Luftfeuchtigkeit, und viele blutrünstige Mücken. Darum empfiehlt Darwin, unser Guide, ein langärmliges Shirt zu tragen. Lange Hosen und Gummistiefel sind eh Pflicht. imageUnd das braucht schon eine zünftige Portion Überwindung! Bevor die Dschungeltour startet, stehen wir also vor einer nicht ganz einfachen Entscheidung: In dieser feuchten Bruthitze etwas langärmliges über den Schweiss ziehen, oder Mückenstiche in Kauf nehmen. Ersteres erscheint mir als absoluter Horror. Nur schon der Gedanke daran, jetzt ein langärmliges Shirt anzuziehen, bringt mich ganz durcheinander. Ich kann es einfach nicht. Ich und Patty sind die Einzigen, die es wagen, die Dschungeltour kurzärmlig in Angriff zu nehmen. imageEs war eine gute Entscheidung. Schon nach ein-zwei Kilometer, klebt David und Olis Hemd am Rücken, es ist pflotschnass. Es tut mir schon fast echli Leid. Dazu kommt: Mückenspray. Das ist ja Alkohol, das Zeugs von hier ist noch stärker. Wenn man das aufsprayt, brennts auf der Haut, und heizt zusätzlich auf. Und dann wär da auch noch die Sonnencreme. Dieser Antibrum-Schweiss-Sonnencreme-Mix, eine teuflische Mischung. Und man riecht wie eine explodierte Chemiefabrik. Es fühlt sich an, als würde sich die Haut langsam auflösen. Laufend geht’s besser, es luftet dann ganz leicht. Jedes Mal wenn aber unser Guide, in der prallen Sonne einen seiner zahlreichen Erklärungshalte einlegt, dann wirds schnell sehr sehr ungemütlich. Warum denn dieses Blüemli jetzt so aussieht, und wie gefährlich jetzt diese Spinne ist, findet man dann nicht mehr sooo spannend. Schatten, das findet man in diesem Moment am aller spannendsten.

Was kann das sein, warum nehmen wir all das auf uns? Das muss etwas verdammt Tolles sein. Und das ist es! Der Dschungel. Die Schönheit, die Faszination dieses Amazonas-Urwalds, schafft es tatsächlich, all diese Nachteile in den Hintergrund zu drängen. Diese Tage im Dschungel waren faszinierend, auch wegen dem vielen Unangenehmen, unvergesslich.

„Sie sind wirklich pink!! Tatsächlich! Krass!“

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Quelle: Internet

Das ist ja wirklich nicht einfach vorzustellen. Aber es gibt Tiere, die sind pink! Nicht im Märlibuch, sondern im Amazonas. Da leben Delfine, die tatsächlich ganz fest pink sind. Das ist wie bei den Menschen, sagt Darwin, da verfärbt sich das Gesicht auch mal rot, wenn man Sport macht zum Beispiel. Diese pinke Delfineart lebt nur im Amazonas. Da fahren wir also mit dem Schiffli in dieser braunen Brühe, können uns überhaupt nicht vorstellen, dass hier irgend etwas leben kann. Und plötzlich springen da pinke Delfine aus dem Wasser. Völlig irr, überraschend, überwältigend. Ein magischer Moment. Ein Highlight. Sie fotografisch einzufangen, eine Challenge.

Sonst war das mit den Tieren so eine Sache. Sooo viele waren da nicht. Also die waren schon da, aber hald versteckt. Eine leise Enttäuschung. Ich habe in Nicaragua mehr Tiere gesehen wie im Amazonasdschungel. Aber das liegt wohl an meiner etwas unrealistischen Vorstellung. Mit Urwald assoziierte ich bis jetzt das VHS-Kassetten-Cover von „Das Dschungelbuch“. Neben Mogli hängt da die böse Schlange vom Baum, daneben, ein Panter, ein Tiger und sogar der Bär Balu lacht fröhlich vom Cover.

Klar, Bären habe ich nicht erwartet im Amazonas, aber so ein paar Tiere mehr schon erhofft. Vögeli haben wir viele gesehen. Von weitem, das hätte auch ein Winterthurer Waldspecht sein können, oder eine Aargauer Landkrähe. imageLässig fand ich die Affen, die sich von Baum zu Baum turnen. Aber halt auch nur von ganz weitem. Aufregend waren die Wasserbläterchen neben unserem Kanu. Darwin sagte, das seien Kaimane, so Krokodilähnliche Dinger. Leider ist es bei den Bläterchen geblieben. Aber ein spannendes Gefühl, zu wissen, dass so ein Riesenfiech gerade unter dem Boot durchtaucht. Insekten durften wir dafür viele beobachten. Lebensgefährliche Riesenspinnen, Taranteln, aber auch Frösche und ganz viele unförmige Wesen, die ich gar nicht als Tiere identifiziert hätte. Und, einen Piranja habe ich gesehen, auf den Pommefrites.

 


Das Dschungelhaus

Übernachtet haben wir in einer Dschungel-Lodge, etwa drei Stunden flussaufwärts von Leticia. Ein Highlight! Ein Haus, das gegen vorne keine Wand hat, nur ein Mückennetz. Ohne, könnte man da nicht wohnen. In diesem Haus fühlst du dich als Teil des Dschungels. In der Nacht Dolby-Soround-Junglesound. Da hörst du Geräusche, ich hätte nicht für möglich gehalten, dass ein Lebewesen so tönen kann.

 

Die Dschnungelmenschen

Mit dem Schiff Stunden weg von Leticia, leben da Menschen, in völliger Abgeschiedenheit im Dschungel. Die meisten von ihnen sind indigenen Ursprungs. Kleine Dörfer direkt am, oder sogar auf dem Fluss, auf so Pfahlbauten-ähnlichen Gehäusen. Aber auch grössere Orte wie Puerto Nariño, hier leben immerhin 2000 Menschen. Motorisiertes gibt’s nicht, nur Fusswege. Und die Dörfer sind nur über den Wasserweg zu erreichen. Faszinierend an diesen Dörfer, die Häuser sind unglaublich schön, gemütlich, stilvoll, mit viel Gefühl fürs Detail gestaltet. Aufwändige Malereien an den Hauswänden, sorgen für eine ganz spezielle Stimmung, am Ende der Welt. Die Kinder in diesen Dörfer scheinen äusserst glücklich zu sein. Sie lachen, wenn man ihnen zuwinkt. Ich glaube, die haben wenig Ahnung, was draussen, in der grossen Welt so abgeht. Vielleicht auch besser.

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Puerto Nariño, Amazonas, Kolumbien

Am Ende ist nicht entscheidend, wie viele Tierarten ich auf einer Liste abhaken kann. Wir waren drei Tage unterwegs im tiefen Dschungel, im Kanu, paddelnd im tiefen Urwald, oder stapfend im Schlamm. Wir nehmen viele Mückenstiche mit, dafür auch unvergessliche Eindrücke. Eindrücke, von einer anderen Welt. Da leben Menschen, ein so komplett anderes Leben hier unten im Amazonas. Nicht nur davon zu wissen, sondern das zu sehen, zu erleben, ist faszinierend und bereichernd. Das waren verrückte, und sehr sehr lustige Tage. Danke David, Oli, Patty und Dani, durfte ich mit euch mitkommen. Es war ganz fest toll!!


Für mich geht’s nun weiter nach Medellin. Die Drogenhauptstadt. Ich werde dort einige Wochen bleiben, und in der Spanischschule die Schulbank drücken.

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Bogotá

Wie werde ich es vermissen. Sonnencreme, die sich auf der Haut mit Schweiss verschmischt. Der Sand, der sich in alle Körper- und iPhone-Öffnungen drängt. Meersalz, dass auf der Haut so schön prickelt. Die nasse Badehose, die nach einer Weile am Arsch Juckreize auslöst. Wie werde ich all das vermissen. Fertig Karibik, fertig heiss, fertig Strand. Ich bin in Bogota, 17 Grad. Die Hauptstadt ist meistens bewölkt, liegt höher wie Davos, und hat so viele Einwohner wie die Schweiz. Und, ich bin ein grosser Fan!! Aber dazu später.

El Dorado Flughafen, Bogotá. Dort werde ich von Dagoberto, dem Chauffeur von David und Oli abgeholt. Mit David habe ich bei TeleZüri ein paar Jahre zusammengearbeitet. Ich werde die nächsten Tage bei ihm und seinem Mann in Bogotá verbringen. Die beiden sind in die kolumbianische Hauptstadt ausgewandert, weil Oliver ein Jobangebot angenommen hat, in der Geschäftsleitung einer Schweizer Betonfirma in Kolumbien. David studiert Spanisch und berichtet nebenbei aus Kolumbien für Schweizer Medien. Zum Beispiel über Pablo Escobar, die Zickamücke und neulich über die brisante politische Situation in der Kolumbien steckt. Über die Angst der Bevölkerung vor dem Frieden. David hat einen Print- und Radiobeitrag darüber realisiert. Sehr fest zu empfehlen dieser Link:

http://m.srf.ch/news/international/kolumbien-hat-angst-vor-dem-frieden

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Bogotá

Plötzlich Luxus

Ich habe die letzten paar Nächte in Hängematten und Zelte genächtigt. Das ändert sich nun zünftig. David und Oli haben eine sehr sehr schöne Wohnung in Bogotá, mit einer atemraubenden Sicht auf die Stadt. Ich schlafe für die nächsten paar Tage in einem Doppelbett, mit eigenem begehbaren Schrank und eigenem Badezimmer. Apropos „atemraubend“, auch die Luft hier ist es. Bogotá liegt auf über 2600 Meter Höhe. Das spührt man. Zumindest die erste Nacht habe ich schlecht geschlafen. Die Atmung fällt etwas schwerer. Aber nach ein paar Tagen gewöhnt man sich dran.

TeleZüri-Power

Sie war am längsten dabei. Sieben Jahre hat Yvonne „für TeleZüri, Yvone Eisenring“, gesagt. Sie ist zufälligerweise auch grad hier in Bogota, bei David. Yvonne wohnt drei Wochen in der Wohnung und schreibt. Sie ist jetzt Buchautorin, schreibt in ihrem Erstlingswerk über 50 Dates in zehn Städten. Im September sollte das dann erscheinen. Wir sind also drei ehemalige TeleZüri-Reporter in Bogotá. Der eine wohnt, die andere schreibt, und ich reise. Da wirst du in einer wildfremden Stadt, zu irgend einem Hochhaus chauffiert, und steigst da in einen Lift. Der bringt dich direkt in die Wohnung, 17. Stock. Die Schiebetür öffnet, und dann sind da Menschen, die du aus einer ganz anderen Welt kennst. Ein spezielles Gefühl. Schön, ein bisschen Schwiiz hier. Und es gibt noch viel mehr Schwiiz heute, an meinem ersten Abend. imageDer Schweizer Club Bogotá lädt zum Fondue Abend. Das habe ich wunderbar gepreicht. In Bogotá kann man tatsächlich Fondue kaufen, normal, in jedem grösseren Supermarkt! Das Schweizer Clubhaus sieht von innen aus wie ein Schweizer Chalet. Holztisch, Holzbalken, Teppiche an der Wand, und Menschen die extem schweizerisch aussehen. Fast alle weit über dem Pensionsalter. Bogotá ist jetzt keine Stadt, in die man aus Freude auswandert. Das muss mit einem Job zusammenhängen, so wie bei Oli. Ich gehe davon aus, dass die mal hier gearbeitet haben, und dann geblieben sind. Mir kommen auf jeden Fall gaaaanz viele andere Orte in den Sinn, an denen ich meinen Lebensabend verbringen möchte. Und das heisst nicht, dass ich Bogotá nicht toll finde. Gar nicht!

Meine Eindrücke

Bogotist nicht schön. Aber aufregend, überraschend und voller Leben. David zeigt Yvonne und mir die Altstadt. Nett, aber nicht vergleichbar mit dem Charme von Cartagena oder dem Niederdörfli. Eindrücklich ist der Plaza de Bolivar. Das Zentrum des fast 50-Millionen-Menschen-Landes. Ein quadratischer Platz. Auf der einen Seite, das nationale Parlament, daneben das städtische Regierungsgebäude. Rechts davon, das nationale Gericht. Abgerundet wird der Platz mit einer grossen Kathedrale. Das nationale Kirchenzentrum. Ein Platz mit sehr viel Geschichte. Hier werden wichtige Entscheidungen getroffen, hier wird das Land gelenkt. Sinnbildlich für Bogotá ist es hier aber auch gefährlich. Ich mache ein Panorama-Foto vom ganzen Platz. David warnt mich, hier das Handy zu zücken sei heikel. Allgemein sollte man sich nur auf belebten Gassen aufhalten. Nur ein paar Blöcke südwestlich des Platzes, sollte man sich gar nicht aufhalten. Sonst muss man davon ausgehen, dass man danach um ein Handy und Portmonaie leichter ist.

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Plaza de Bolivar

Die Autostadt

Neben der Kriminialität hat Bogotá ein anderes, ganz grosses Problem: Der Verkehr. Jeder fünfte Kolumbianer wohnt in Bogotá und dessen Agglomeration. Ein ÖV-System das diesen Menschenmassen gerecht wird, gibts nicht. Da sind zwar ein paar Busse die da rumkurven, das genügt aber bei weitem nicht. Sie sind immer völlig verstopft und stehen im Stau. Da bekommt das Wort Dichtestress eine ganz andere Bedeutung. In der Schweiz wird gejammert, wenn man mal stehen muss, am morgen in der S12 oder im Tram. Hier klebt man mit dem Gesicht seitlich am Busfenster, wenn man Glück hat, und sich einen Stehplatz ergattern konnte.

Am zweiten Abend gingen wir in ein In-Lokal auf der anderen Seite der Stadt, Luftlinie: 8 Kilometer. Es war Abendverkehr und blöderweise noch so ein Musikfestival. Bei leeren Strassen wäre man in 20 Minuten da. Bei normalem Abendverkehr hätte man dafür knapp 90 Minuten. Was in Zürich als Total-Jahrhundert-Verkehrskollaps in die Geschichte eingehen würde, gibt’s in Bogotá jeden Tag. Wenn dann noch ein Event stattfindet, dann ists nicht mehr lustig im Auto. Auf neun Uhr war unser Tisch reserviert. Angekommen sind wir um 23:25 (!!!), gegessen kurz vor Mitternacht. Trotzdem, es wurde ein toller Abend! In diesem völlig überdekorierten, bunten und balkigen Stall, in dem auf Holztischen brutzelndes Fleisch auf heissem Stein serviert wird. Und nach dem Essen, tanzen zu Salsa und anderen Lateinamerikanischen Klängen. Toll!

Die Velostadt

Bogotá eine Velostadt? Tatsächlich. Zumindest am Sonntag. Den dann wird eine der Hauptstrassen quer durch das Zentrum für alles Motorisierte gesperrt. Was in Zürich einmal im Jahr als riesen Happening gefeiert wird, findet in Bogotá wöchentlich statt. Wir haben mitgemacht, uns ein Velo gemietet und durch das Zentrum gestrampelt. Und das ist nicht irgend so eine neue Aktion mit der sich Bogotá als besonders umweltfreundlich oder sonst was profilieren will, sondern das ist hier seit 27 Jahren so! Jeden Sonntag! Toll.

Die Partystadt

imageDieses Bogota mag auf den ersten Blick uncharmant erscheinen, mit seinen zugegebenermassen hässlichen 60 und 70er-Jahre Blöcke. Da mag dieses metropolitanisches Feeling nicht so recht aufkommen. Aber, es gibt ganz viel Charme in Bogotá. Quartiere, die wie ihr eigenes Altstädtchen, ihr eigenes Zentrum haben, mit herzigen Gässchen und fancy Restaurants. Oder dann, und das ist mein Lieblingsteil von Bogotá: die Zona Rosa, der Ausgangsteil. Da kann ich alleine in den Ausgang und habe das Gefühl ich bin mit allen da. Mit den Rolos, so bezeichnet man Bogotarianer. In der Schweiz ist es ja komisch, wenn nicht undenkbar, alleine auszugehen. Hier, so was von kein Problem. Denn die Rolos sind hilfsbereit und einfach offen zu den Menschen. Klar, ich bin ein offensichtlicher Gringo, ein Ausländer. Hier falle ich auf mit meinen blonden Haaren und blauen Augen. Das bin ich zwar schon die letzten drei Monte, aber hier interessieren sie sich mehr für die Gringos. Zum mit uns Ausländern in Kontakt zu kommen, gibt’s da seit Jahren eine legendäre Party: „Gringos Tuesday“ heisst sie. Da wird an jedem Tisch eine andere Sprache gesprochen. Deutsch, Englisch, Französisch usw… Ich war relativ skeptisch, ich dachte, da hängen es eh nur all die europäischen Blondies herum. Zu meiner Überraschung hatte es aber hauptsächlich Rolos, also Bogotarianerinnen, die den kulturellen und sprachlichen Austausch suchen, eine andere Sprache lernen wollen. Und wenn da dann noch ein guter Typ dabei ist, haben viele sehr wenig dagegen, diesen Austausch auszubauen. Zum Beispiel am späteren Abend, dann werden die Tische weggeräumt und das Lokal zum Club, zur Disco umgewandelt. Bei schnellen, lateinamerikanischem Sound, haben dann alle die Möglichkeit, den Austausch zu vertiefen.

Das sind meine ganz persönlichen Eindrücke. Bogotá ist unvorstellbar gross. Ich war im Ganzen zehn Tage in dieser Stadt. Und ich bin sicher, da kann man grad so gut ganz anderer Meinung sein, ganz andere Eindrücke mitnehmen. Der grösste Teil sehen Besucher nicht. Können sie gar nicht, weil viel zu gefährlich. Hunderttausende leben völlig verarmt in Blechhütten. Nur mit gepanzertem Auto kann man durch diese Gebiete fahren. Die arm-reich-Schere ist hier immens. Im Vergleich, ist die in der Schweiz inexistent. In Cartagena ist das noch extremer. Da leben die Einen im Millionen- Reichtum und Überfluss, und die Anderen, haben nicht genug zu Essen.

Allgemein bin ich überrascht, wie weit die reichen Gebiete Kolumbiens entwickelt sind. Ich dachte Costa Rica oder Panama sind viel weiter. In Kolumbien sind zum Beispiel Supermärkte wie in der Migros, einkaufs-psychologisch durchdacht eingerichtet, die Substanz der Häuser einwandfrei. Besser wie in Italien oder Spanien! Das hat mich überrascht, ist aber nicht der Grund warum ich Bogotà toll finde. Ich habe einfach Freude hier. Ist noch schwierig zu sagen warum. Manchmal hat man einfach so ein positives Gefühl in einer Stadt. Es gibt so vieles zu entdecken. Ich bin noch nicht fertig…

Aber jetzt gibt’s zuerst einen Totalchange. Ich gehe in den Dschungel, ganz im Süden von Kolumbien, in den Amazonas!!

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Tayronapark

Auf den Bus wartend treffe ich Jeremy aus Frankreich. Er weiss noch nicht wohin genau er weiterreisen soll heute. Wir mögen uns, also kommt Jeremy mit mir in den Tayrona Nationalpark, der bekannteste Nationalpark im Norden von Kolumbien. Er ist etwas skeptisch, er hat gehört, es sei sehr touristisch und die Preise darum überrissen. Egal, Tayrona macht man einfach, wenn man im Norden von Kolumbien rumreist, finde ich. In jedem Reiseführer wird dieser Park als Highlight angepriesen. Auf dem Lonely Planet-Kolumbienführer ist ein Bild aus dem Tayronaparks sogar auf dem Cover abgebildet! Ich kann Jeremy schliesslich überzeugen.

18 Franken kostet der Eintritt und die zehnminütige Busfahrt in den Park. Das ist für kolumbianische Verhältnisse völlig irr. Das sind für mich drei Übernachtungen in einem Hostel hier. Wenn man so lange unterwegs ist, geht man mit Geld anders um. Sonst kommst du nicht weit. Aber, Tayrona macht man halt. Darum die Preise. Der Park besteht vor allem aus Dschungel und vielen bedrohten Tierarten. Das Spezielle daran, der Dschungel ragt bis ans karibische Meer. Haushoche runde Steinbrocken liegen im Wald herum und zieren die zahlreichen Traumstrände. Es sieht ein bisschen aus wie im Jurassic Park. Oder in diesem Dinotrickfilm. „Von einem Land vor unserer Zeit“, heisst der glaub. Dort liegen auch so grosse, abgerundete Steinbrocken herum. Die etwa zwei stündige Wanderung durch den Park ist easy. Und die Beach, die ist tatsächlich krass schön. Kann sicher mit den schönsten der Welt mithalten. Der Dschungel, diese grossen Steinbrocken, der feine, weisse Sand und das hellblaue karibische Meer, das ist fast unschlagbar. Schade nur, haben es die Betreiber nicht im Griff.

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Wenn man im Park essen oder übernachten will, kann man das auf zwei Arten. Entweder so richtig teuer, da zahlst du pro Nacht Hunderte von Franken für ein Traumbungalow. Ich kenne jemand der mal dort übernachtet hat. Es sei die Wucht! Und dann gibts da die Übernachtungsmöglichkeit für die ärmeren Reisenden, also die Meisten. Und die, ist leider kaum zu unterbieten. Eine Infrastruktur, die nicht für so viele Menschen gemacht ist, welche jeden Tag hier hin pilgern. Drei WCs und drei Duschen für Hunderte Menschen jeden Tag. imageFliessend Wasser gibt’s nur am Morgen und am Abend! Auch die Preise sind ein Totalabriss: Wenn ein Plätzchen in einem Zelt so viel kostet, wie sonst zwei bis drei Übernachtungen in einem Hostel mit Dach über dem Kopf, dann ist das einfach nicht richtig. Das Zelt ist völlig verlöchert, ein Mückennetz nicht existent. Dort wo so ein Netz eigentlich unverzichtbar wäre!! Es wimmelt nur so von Moskitos. Ich könnte jetzt wiedermal sagen: Bescheidenheit Remo. Aber nein, hier nicht. Das Tüpfchen auf dem i war dann das Znacht. Zu mir und Jeremy haben sich Laura aus England und die Japan-Brasilianerin Erica gesellt. Im Park getroffen habe ich noch Alan und Nicola aus Irland, die ich noch von Nicaragua kenne, und Samuel, der Wallis-Zürcher, den ich noch vom Ausgang in Cartagena kenne. Wir sind also ein lässiges Grüppchen von sieben Personen. Und was macht man beim Abendessen, wenn man eine Gruppe ist? Genau, man schiebt Tische zusammen. Das haben wir gemacht, wir haben zwei quadratische Vierertische zusammengeschoben. Noch nicht mal bestellt, kommen die vom einzigen Restaurant auf diesem Campingplatz, und reissen die Tische während wir dort sitzen (!!!) auseinander. „Pro einem quadratischen Tisch müssen fünf Personen sitzen“, sagt einer der Service-Männer in einem unheimlich unfreundlichen Ton. Fünf pro vierseitigem Tisch?! Ich bin völlig paff. Ist das jetzt wirklich passiert? Laura ist dabei mit dem Stuhl fast nach hinten gekippt. Auf das Essen haben wir dann über eine Stunde gewartet.

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Hier waren wir noch glücklich – Samuel, Laura, Jeremy, Nicola, Erica, Alan

Wenn ein Restaurant nicht mehr gut sein muss, um erfolgreich zu sein, dann kann das nicht gut kommen. Ich war in den letzten zweieinhalb Monaten nie hässig. Bis heute. Am nächsten Morgen bin ich dann mit völlig verstochenen Beinen aufgewacht. So eine Schande, an so einem schönen Ort auf diesem Planeten. Schade. Wenn ihr mal in dieser Gegend seit: Das grosse Portmonaie mitnehmen, nur einen Eintagestrip einplanen, oder schaut diesen Tayrona auf Bildern an und zieht euch nebenbei irgend ein Dino-Film rein.

Der Walliser Samuel ist mit dem Auto unterwegs. Der ist von Guatemala alles runtergefahren, bis hierher! Er nimmt uns alle mit bis nach Santa Marta. Für mich geht’s morgen weiter: in die Hauptstadt Bogota. Ich verlasse somit tolle Menschen, und den heissen Norden.

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Sierra Nevada

Ich habs geschafft! Ich bin auf dem Gipfel. Eine anstrengende Wanderung war das. Vielleicht darum, weil ich die letzte Nacht in einer Hängematte geschlafen habe, versucht zu schlafen ist treffender. Ich habe heute morgen nicht nur ausgesehen wie ein Nussgipfel, ich habe mich auch gefühlt wie einer. Es war meine erste, vielleicht, meine letzte Nacht in einer Hängematte.
Aber, ich wollte unbedingt den Berg hinauf heute. Den Berg, oberhalb von Minca in der Sierra Nevada de Santa Marta, im Norden von Kolumbien. Der sei der Wahnsinn, hat mir jemand begeistert erzählt. Und es war kein Holländer! Es war ein Ami aus Colorado in den Rockys. Wenn einer der sich an Bergen gewöhnt ist von Bergen schwärmt, dann ist das ein gutes Zeichen.

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Minca

Ich bin von Palomino zurück nach Santa Marta und von dort in die Bergen der Sierra Nevada gereist, nach Minca. Ein Künstlerdorf. Unspektakulär, aber irgendwie noch eine glatte Stimmung. Eine Mischung aus Kartoffelsackhosen-Hippies und Wandervögel. Ich übernachte in einem Hostel etwas oberhalb. Schwer beladen mit meinem ganzen Karsumpel erreiche ich völlig verschwitzt meine Bleibe, sie wurde mir empfohlen. Die Sicht vom Hostel aus ist fantastisch! Unten das Dorf, rundherum Dschungelberge und von weitem ist Santa Marta und das karibische Meer zu erkennen. Eine Wucht! WiFi gibts keines hier oben. Das habe ich noch gerne ab und zu. Einfach mal ein bisschen sein, ohne daran zu denken, dass man die Zeit auch mit Social Media oder Reiseplanung im Internet nutzen könnte. Beim Einchecken sagt mir ein Bub, dass es nur noch Hängematten gäbe. Ich zögere, finde dann aber, dass ich das nun endlich mal ausprobieren sollte. Kostet dafür nur knapp ein Foifliiber die Nacht. imageIch bin etwas skeptisch, kann mir einfach nicht vorstellen, dass man in einer Hängematte wirklich gut schlafen kann. Kann man nicht. Oder ich kann nicht. Diese blöden Hängematten sind viel zu nah nebeneinander gespannt. Wenn ich meine Beine nur ein bisschen einziehe, berührt mein Knie den Arsch meiner Nachbarin. Meiner etwas gar umfangreichen Nachbarin, muss ich fairerweise sagen. Geschlafen habe ich also kaum. Trotzdem wandere ich auf den Berg heute.

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Es gibt einen breiteren, und einen abenteuerlichen Weg da rauf. Ich nehme den Breiteren. Da fahren auch Motorräder und geländegängige Auto rauf. Vorbei an kleinen Bächen und saftig grünen Blätter. Und Bambusgebüsche, oder wie man die nennt. imageEin Bambusstamm oder Rohr ist etwa so breit wie Nöldi Schwarzeneggers Oberarme zu seinen besten Zeiten. Hier wachsen die so nebeneinander, Hunderte! Und so ein ganzer Bambusbusch ist etwa so breit und hoch wie ein Schweizer Durchschnitts-Einfamilienhaus. Der Wahnsinn!! Wenns windet, und sich die Stämme aneinander reiben, knarrt es immer so, ich liebe dieses Geräusch. Stehe jetzt schon minutenlang vor diesem Riesenbambusstrauch und finde es einfach nur toll.

Der Berg ruft.

Drei Stunden später. Ich bin oben auf der Bergkante. Zu meiner Überraschung laufe ich direkt an ein Hostel. Ich wusste nicht, dass man da oben übernachten kann, dass es da so etwas wie Zivilisation gibt. „Aloha Ke Akua“ heisst das Hostel. Oder, die Unterkunft. Denn die Besitzer wollen nicht, dass ihr Haus Hostel genannt wird, sagen sie mir später. Man merkt schnell, die Menschen die hier leben, sind irgendwie anders. Klar, sonst würden sie nicht so abseits der Zivilisation leben. So wie die Menschen die in der Schweiz eine SAC-Hütte führen irgendwo im Nichts, sind auch alle etwas eigen. Und das meine ich überhaupt nicht negativ! Finde das toll wenn das jemand will. So lange der Mensch das macht, was ihm Freude bereitet, finde ich alles toll. So lange er keinen Schaden anrichtet natürlich. Diese Mensche hier scheinen Selbstversorger zu sein. Gärten mit viel Gemüse und Kreuter. Die Küche ist im Freien, gekocht wird mit Feuer, geduscht aus einem ausgehöhlten Bambusrohr. Ich laufe am Haus vorbei, ein paar Schritte dem kleinen Weg entlang. Und dann, erlebe ich einer der ganz wenigen, ganz grossen Magic-Moments auf meinem Abenteuer. Eine wirklich, atemberaubende Sicht, weit in die Sierra Nevada de Santa Marta hinein. Ich kann das nicht so fotografieren, dass ihr wirklich versteht, wie krass dieser Moment grad ist.

Ich steh da, minutenlang, bin überwältigt. Plötzlich höre ich ein leises, dumpfes Hämmern. Es hallt in den Bergen. Ich geh in Richtung dieses Geräuschs, und sehe zwei Typen an der Arbeit. Sie sind oben ohne, braungebrannt und recht gut in Form. Die beiden sind gerade daran das Dach eines kleinen Häuschens aufzurichten. Sie bauen Bungalows, welche später als Mehrbettzimmer eingesetzt werden, erfahre ich später. Das wird die wohl schönste Aussicht auf einem Dorm auf der Welt. „Ou hey, Welcome!“, ruft mir der Typ auf dem Dach zu. „Wanne stay here?“ Das würde ich ja wahnsinnig gerne, aber ich habe ja schon eine Bleibe, rufe ich zurück. imageDiese zwei Typen, der eine aus Kanada, der andere aus den USA, bauen dort oben grad eine Farm auf, wie sie es nennen. Dieses Haus werde nie auf booking oder tripadvisor.com erscheinen. Denn sie wollen niemanden hier oben, der zufällig auf sie stösst. Sondern nur Menschen, die wissen, was auf sie zukommt, wenn sie im Aloha Ke Akuha buchen. Menschen, die sich selber spüren wollen, und mal weit weg von Stress und Hektik, Selbstversorger sein wollen. „Und das an einem der schönsten Orte der Welt“, schwärmt Benjamin, der Kanadier. So was von wahr, denke ich mir. Benjamin und sein Kumpel haben jahrelang ein Ort gesucht, um so eine Farm aufzubauen. Hier im Norden von Kolumbien sind Sie fündig geworden und dieses Stück Land gekauft. Benjamin ist mit einer Kolumbianerin verheiratet. Sonst wäre das nicht möglich gewesen.“ Als Ausländer kannst du das vergessen“, meint er. Ich hätte Lust, hier ein bisschen zu bleiben, mich nur von Sachen zu ernähren, die hier wachsen. Aber, ich muss. Zwei Stunden habe ich mit den zwei Typen geplaudert. Ich möchte noch bevor es dunkel wird zurück sein. Ich laufe der Bergkante entlang, zu einem Aussichtspunkt zwischen zwei Tannen. Hier sieht man runter, auf die andere Seite, in Richtung Santa Marta. Auch diese Aussicht, sie ist unvergesslich schön.

Die Sonne ist bereits rötlich und nähert sich den grünen Hügel, als ich mich auf den Rückweg mache. Ich nehme den abenteuerlichen Weg zurück. Zwei Stunden durch den tiefen, buschigen Dschungel. Auf einem Pfad, ziemlich genau wie ein Schweizer Bergwanderweg. Einer der schmaleren Sorte. Steinig, steil, richtig Adentschoor! Überrascht wurde ich von Zivilisation. Da leben tatsächlich Menschen, kilometerweit weg von Strassen und noch viel weiter weg von Einkaufsmöglichkeiten. Mit etwas Motorisiertem hast du keine Chance zu diesen drei-vier Häuser am Hang zu gelangen. Vor einem stallähnlichen Gehäus sitzt eine ältere Frau, so um die siebzig. Ich glaube die war schon Jahrzehnte nicht mehr weg von diesem Ort. Ich frage sie, mit meinem sehr dünnen Spanisch-Wortschatz, was sie denn hier macht, warum dass sie so abgeschieden lebt. imageSie schaut mich an wie ein Fragezeichen und lächelt. Immerhin. Entweder hört sie gar nichts mehr, oder sie hat mich nicht verstanden. Auf jeden Fall ist da kein Gespräch zu Stande gekommen. Aber manchmal finde ich es auch spannend, nur über die Geschichte eines Menschen nachzudenken. Warum ist der dort, was hat er sein Leben lang gemacht, was waren seine Höhepunkte in seinem Leben. Spannend. Es ist schon fast ganz dunkel als ich bei meinem Campingplatz ankomme. Ach ja, ich habe meine Bleibe gewechselt. Ich übernachte diese Nacht mitten im Dschungel in einem Zelt. Es wird eine gute Nacht, nach einem nur schwer zu übertreffenden Tag.

Morgen muss ich Minca verlassen. Der bekannteste Nationalpark im Norden von Kolumbien wartet auf mich.